achtsamkeit und spiritualität: die west-ost verwirrung

Dies, liebe Leserxs, ist ein Versuch, Klarheit in eine Sache zu bringen. In etwas, das sich anfühlt wie wenn man ein Vexierbild betrachtet: kaum hat man die eine Seite erfasst und sich darauf eingelassen, kippt das Erleben auf die andere Seite – und raus ist man.
Wovon ich Ihnen hier erzähle, ist eine grundsätzliche Verwirrung und Verwechslung über die Bedeutung von Achtsamkeit und Spiritualität in unserem Alltagsgebrauch. Und was daraus folgt in einer entweder östlichen oder westlichen Tradition.

Denken Sie bitte einen Moment lang nach:

Bin ich ein Mensch, der eine spirituelle Erfahrung macht?
Oder bin ich ein spirituelles Wesen, das eine menschliche Erfahrung macht?

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Wenn ich die Frage: „Bin ich ein Mensch, der eine spirituelle Erfahrung macht?“ mit Ja beantworte, befnde ich mich in bester westlicher, sprich aufklärerischer, humanistischer Tradition. Die dazu gehörenden Pioniere der achtsamen Körperarbeit hatten ihre Hochblüte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, allen voran F.M.Alexander, Mabel Todd, Lulu Sweigart, Mary Whitehouse, Moshe Feldenkrais, Elsa Gindler, Ilse Middendorf, uvvam.* Eine ganze Riege von Genies entwickelte  in meist jahrzehntelangen Selbststudien unterschiedliche Methoden für einen Zweck:
Das Wunderwerk Mensch soll sich so entwickeln und entfalten wie es in seiner natürlichen Erhabenheit, Schönheit, Vielfalt, Weisheit und Würde gemeint ist. Die Mittel dazu sind Achtsamkeit, Neugier und Bewusstheit in Bewegung und in Ruhe. Das Wissen dazu ist – vor dem Hintergrund der Philosophie der Aufklärung und dem Zeitgeist des Aufbruchs und der Befreiung – die erfahrbare Anatomie. Der Weg die Erforschung der Verbindung von geistigen, emotionalen und körperlichen Prozessen.
Ganz im Zeitgeist des vorigen Jahrhunderts waren viele dieser Körpertherapie-Pioniere (genau wie Psychotherapie-Pioniere wie etwa Fritz und Laura Pearls bei der Entwicklung der Gestalttherapie) von spirituellen Strömungen aus dem Osten beeinflusst.
Achtsamkeit, Fokussiertheit, Atem-Bewusstheit und meditative Versenkung sind sehr ähnliche innere Zustände. Sie unterscheiden sich im Osten und im Westen aber bezüglich ihrer Benennungen und ihrer Ziele. Und genau hier beginnt die Verwirrung.

Westliche Körperarbeit geht lustvoll und kreativ an das Erforschen von Möglichkeiten heran, wie sich der Mensch möglichst effektiv und geschmeidig bewegen kann. Wie jeder die bio-psycho-physische Ganzheit in sich entdecken, erspüren und neu beleben kann. Die Übungen haben experimentellen und oft improvisierenden Charakter, sie sollen das schöpferische Potential des Menschen zum Ausdruck bringen. Gelingende Körperarbeit befähigt den Übenden, sich besser, erfolgreicher, gesünder und ja, authentischer in die Welt hinein zu bewegen.

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Ganz anders in den östlichen, asiatischen Traditionen. Hier würde die Frage „Bin ich ein spirituelles Wesen, das eine menschliche Erfahrung macht?“ mit Ja beantwortet werden.
Die tantrischen Richtungen ausgenommen gilt der Körper nicht als Wunderwerk oder mit Weisheit ausgestattet, sondern zählt wie die Psyche und das Ego zu den vergänglichen, Leid und Schmerzen erzeugenden Anteilen des Menschseins. Schmerzen sollen achtsam angenommen und akzeptiert werden. Stetes Üben nach streng festgelegten Abläufen stärkt den Geist sodass Identifizierungen mit dem Körper, mit Schmerzen, Verlangen oder Ängsten gelöst werden können. Die Mittel dazu sind methodisch genau definierte Übungsweisen, die gehorsam, achtsam und regelmäßig ausgeführt werden müssen. Das Wissen dazu steht in alten indischen Schriften, den Veden etwa, bei Patanjali und in der HathaYogaPradipika. Der Weg ist die stete Übung unter der Schirmherrschaft eines Guru. Das Ziel ist die Abkehr von der Welt und ihren Verführungen, die tiefe Verwurzelung in spiritueller Glückseligkeit.
Der Weg des traditionellen Yoga führt nicht „off the mat into the world“ wie dies nach erfolgreicher Vermischung von beliebigen Ideen vor einigen Jahren proklamiert wurde. Wo der Geist des Yoga ernst genommen wird, führt er bis heute in tiefe Selbstreflexion, Askese, Rückzug von der Gesellschaft und ununterbrochene spirituelle Übung.

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Die strengen Übungswege, wie sie zb. im AsthangaYoga auch heute noch praktiziert werden, sind ganz klar. Sie hätten immer Anhänger gefunden aber Yoga niemals zur Milliardenindustrie gemacht. Dazu brauchte es die Vermischung mit den Ideen moderner westlicher Körperkultur und – Marketing.
Das Üben musste jetzt Spaß machen. Die Lernprozesse durften kreativ und individuell gestaltet werden. Wohlgefühl, Freude und Begeisterung sollten die tägliche Praxis begleiten. Schmerzen und Krankheit sollten sich auflösen oder verhindert werden. Alles wurde zur Therapie. Man sollte ausführlich über seine Erfahrungen reden dürfen und schöne Fotos davon machen. Musik sollte sein, vielleicht sogar freie Bewegung und man sollte auch im tollsten Gemeinschaftsgefühl unabhängig bleiben.
Abkehr von der Welt und Askese mussten neu definiert werden: Statt meditativer Bergeinsamkeit gibt es jetzt coole Massenetreats. Die moderne Yogini kann von unendlich lange haltbarem Industriemüll vegan leben und sich jede Woche ein neues Yogaoutfit kaufen. Aus dem edlen Rückzug der Sinne wurde vielerorts ein ungeheurer Haufen von pseudospirituellem Klimbim.
Auf der seriösen Seite waren es Westlerxs wie zb. Elisabeth Haich oder John Kabat-Zinn und Inderxs wie TKV Desikachar, BKS Iyengar, Yogi Bhajan oder Osho, die eine Verbindung zum Westen vom Yoga oder Zen her auf ihre ganz individuelle Art gelingend etablierten. Viele westliche Psychotherapieschulen haben Achtsamkeitsübungen in ihre Methodensets aufgenommen. So gut das auch ist, es führt zu Verwirrung.

  • Wenn ich als Yogalehrerin sehe, dass jemand in der Asanapraxis Schmerzen hat – soll ich dann anregen, dass die Person dies aushält und akzeptiert oder soll ich sie anregen, bessere, leichtere Wege in die Schmerzfreiheit zu erforschen?
  • Wenn ich meinen Atem in der Meditation leicht werden fühle und Gefühle von Licht und Glückseligkeit sich einstellen – verweigere ich damit bereits der Welt meine Kraft, etwas zum Besseren zu bewegen?
  • Wenn ich in der Yogapraxis kreativ werde und Elemente aus modernen Körpertherapien einfließen lasse – ist das dann noch Yoga oder bereits ein Beliebigkeitsbrei, der mich zum Verweilen in der Komfortzone verführt anstatt mich herauszufordern?
  • Wenn ich in der Übung Katzenbuckel-Dackelbauch nicht wie im Yoga vorgegeben atme, sondern beginne zu erforschen, wie sich mein Atem von selbst dabei einstellen mag und ihn dann mal auch umkehre – mache ich dann noch Yoga oder bereits eine Übung von Ilse Middendorf?
  • Wenn ich mit meinen Yoginis eine Asana schrittweise aufbaue – müsste das nicht korrekter weise als Feldenkraismaterial benannt werden denn als Yoga?
  • Was bedeutet es wenn Anna Trökes, die große alte Dame des deutschen Yoga, zu Beginn der Stunde ein paar Minuten Authentic Movement auf Grundlage der Forschungen des Hirnforscher Gerald Hüther empfiehlt? **
  • Was ist jetzt Spiritualität – Rückzug und Askese oder das Übernehmen von Verantwortung in meinem sozialen Umfeld? Vor welchem philosophischen Hintergrund werden mir in einer Psychotherapiestunde Achtsamkeitsübungen vorgeschlagen?

Wenn das Wunder Mensch im Vordergrund steht, führt das achtsame Erforschen zu mehr Möglichkeiten für ein lebendiges Dasein in der Welt. Wenn das Wunder des Geistes im Vordergrund steht, führt das achtsame Fortschreiten auf dem jahrtausende alten Übungspfad zur absoluten Erkenntnis über die Beschaffenheit der Welt.

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Sie haben natürlich recht liebe Leserxs, wenn Sie jetzt sagen dass alles zwei Seiten hat, mindestens. Dass der moderne Yoga durch die Verquickung mit westlichen Ideen unglaublich bereichert wurde und zu einer herrlichen, weltweiten Bewegung geworden ist, die viel Gutes bewirkt. Jedem wird so viel Tiefgang ermöglicht, wie er eben will. Dass auch der traditionelle Yoga in Indien seine dunklen Seiten hatte. Dass auf einer bestimmten Ebene sowieso „alles eins“ ist.

Ja und Nein meine ich dazu. Es schmerzt mich, dass die wirklich großartigen westlichen Körpertherapien so unbenannt und ungewürdigt ins heutige Yoga hineinverwurstet werden. Denn nichts anderes passiert, wenn gefühlt jeder zweite Yogalehrerxs bestrebt ist, sein eigenes Label anzubieten. Dem erlernten Stil werden ein paar Elemente „eigenes“ hinzugefügt und Hurra! gibt es schon ein völlig neues, allumfassendes XY-Yoga. Kaum jemand macht sich die Mühe an dem, was er/sie da unterrichtet, „die Wurzeln dran zu lassen“.

Ebenso schmerzt es mich, wenn die alten Traditionen und Übungskonzepte im Yoga derart verwässert werden, dass die ursprüngliche Klarheit und Strenge (ja, Strenge!) sich in Fitness-Beliebigkeit auflöst. Der Boom in den Fitnesstudios mit verwordakeltem HathaYoga zu heißen Rhythmen ist ungebrochen. Die neuesten Trends „Breathing“ und „Budokan“ sind schon auf dem Weg zu uns…
Es geht mir innerlich nicht zusammen, dass ich östlich meine Sinne von der Welt zurückziehe und gleichzeitig westlich achtsam und neugierig weiter hinein soll in die Welt … Und ich bin mir gar nicht sicher, ob es gut ist, hier den alles integrierenden Spagat zu versuchen. Verstehen Sie was ich meine, liebe Leserxs?

Nun ja.

Möge unsere Yogapraxis dennoch achtsam gelingen.
Möge unsere Spiritualität dennoch weiter wachsen.
Mögen wir finden was wir brauchen.

Namsté und Grüße,

JKK

Wenn Sie Lust haben auf ein paar noch weiter führende, wie ich denke kluge und kritische Gedanken zu diesem Thema, lesen Sie hier:

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/885371_Achtsamkeit-ist-ein-Tranquilizer.html

 

* Alle Personenaufzählungen in diesem Blog sind beispielhaft und selbstverständlich nicht vollständig

**: sehen Sie dazu den sehr spannenden Vortrag von Anna Trökes: https://www.youtube.com/watch?v=Ygs0FpjpdYs

Das Beitragsbild ist: ©DasWortgewand-knot-piyabay.com

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4 Gedanken zu “achtsamkeit und spiritualität: die west-ost verwirrung

  1. liebe ju,
    ist mir in den letzten tagen oft im kopf rumgegangen, dein neuer beitrag, weil ich diese spannung, dieses nichtzusammengehen der beiden zugänge nur zu gut kenne! seit jahren dreht sich diese mühle in meinem gehirn, und kaum glaub ich: jetzt hab ich’s!, ist schon wieder alles anders.
    ich glaube aber, dass es vielleicht jetzt eeeeendlich an der zeit ist, diesen scheinbaren widerspruch, diese trennung – puff! – einfach in luft aufzulösen. ich mach mir jetzt eine ostwestspirituellesmenschlicheswesenosterhaseneierspeise und würze sie mit einer dicken prise ist-eh-egal-hauptsache-mir-schmeckts.
    herzlich
    freundin l.

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    1. Liebe Freundin L.,
      Ja, mit Humor nehmen könnte man es auch! Manchmal ist es wohl auch mit meinen Beiträgen so: Derweil ich denke und schreibe, fühlt es sich essentiell an. Im Tageslicht der ständigen Entwicklung und Erweiterung aller Bewegungsschulen löst sich die gefühlte Bedeutung der korrekten Herkunft von Methoden in eine menschlichewesenfreiheit auf … Ich nehme an, der Widerspruch existiert mehr in mir selbst, denn auch ich bin indoktriniert von althergebrachten (und schweineteuer gewesenen) Ausbildungsstandards mit den Ansprüchen irgendwelcher „reinen Lehren“, derweil das bunte Leben sich von selbst entwickelt. Sogar Jeremy Chance, einer der bekanntesten australischen Alexanderlehrer sagt heute, ich vermute mit einem Augenzwinkern: „Alexander Technique“ is a tired odd regime, associated with stuffy Edwardian language, black and white photos, and people in strange postures holding chairs while being strangled. Or they are just lazing prone.“
      Andererseits glaube ich doch, dass sich eine differenzierte Betrachtung von Quellen und Entwicklungen lohnt, bevor man sich in „alles ist eins“ auflöst.

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  2. Hi,
    Solange Du Dich der Dualität unterwirfst (Deiner Fragerei), solange wirst Du auch als Spielball Deiner emotionalen, spirituellen, menschlichen, geistigen, intellektuellen Ebene ausgesetzt sein. Es ist kein Fehler auf der ständigen Sucht nach sich selbst und der totalen Wahrheit zu sein, einer Einheit von Allem dessen was uns ausmachte, zu sein. Deinen geistigen Wirrwarr etwas zu entflechten ( Diese Ost West Vorstellung) wollt ich nur sagen „sei kreativ, lass Dich gehen, let your Soul Swing, rette das Kind in Dir und das Spiel…….denk nicht soviel nach…….leb einfach, dann machst Du Alles richtig,
    Ich umarme Dich

    Buchtipp: Rettet das Spiel von Gerald Hüther und Christoph Quarch

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    1. Liebe G.,
      Ja das hast du richtig erkannt, dieses „sei kreativ, lass dich gehen, soulswing, Kind“ ist so gar nicht mein Ding, haha. Aber ich arbeite dran. Danke für die Erinnerung 🙂
      Judith

      1+

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