alt werden – einfach werden

Als ich vor einiger Zeit 60 Jahre alt wurde, fühlte sich das richtig gut an. Es war, als ob ich mich endlich ein wenig zurücklehnen und entspannen könnte. Als ob ich mich nun herausnehmen dürfte aus dem Hamsterrad der EPU-Selbständigkeit: möglichst gute Jobs kriegen, diese möglichst gut machen und jede Menge Steuern abliefern dafür. Alle Menschen als potentielle Kunden behandeln. Immer am Ball sein, immer freundlich, immer präsent. Was für eine Anstrengung. Mit 60 war ich gefühlt auf einmal aus dem Schneider. Ich musste keine Ziele mehr haben, ich hatte einfach Zeit. Zeit zum Innehalten, zum zwecklosen (!) Betrachten der Welt und ihren seltsamen Verführungen. Dabei bin ich auf allerlei gekommen und davon möchte ich Ihnen heute erzählen, liebe Leserxs.

Alt werden will bekanntlich gelernt sein. Es hat seine Eigenheiten und Sie wissen, es ist nichts für Feiglinge. Darüber gibt es viele schöne, berührende, aber auch verstörende Geschichten. Von berühmten Leuten wie Benoite Groult als Roman etwa, von ganz besonderen wie Tao Porchon Lynch oder von herzwärmend authentischen wie Monika Krampl in ihrem Blog.

Ich möchte Ihnen heute einen Aspekt des Alterns vorstellen, der sich gut anfühlt. Jenseits von Schmerzen, Krankheiten, Verlusten und Einschränkungen erfahre ich in meinem älterwerden etwas, das mich, seit ich es erkannt habe, täglich zum Lächeln bringt.

Es ist die Einfachheit.
Um Ihnen das näher zu bringen liebe Leserxs, bitte ich Sie mich kurz in meine Kindheit zu begleiten. Zu meiner Großmutter. Sie war, wie die meisten Großmütter dieser Erde, eine wunderbare Frau. Sie liebte ihre Enkelkinder nicht nur, sie hielt auch große Stücke auf uns. Unsere – in ihren Augen – glückliche Kindheit ohne Not war der erste sichtbare Beweis des gelungenen Wiederaufbaus nach dem Krieg. Wir hatten im Vergleich zu ihr alle Möglichkeiten zu Bildung und bester Entwicklung. Und meine Oma war überzeugt, dass wir alle Chancen nutzen würden. Sie sagte als erste diesen speziellen Satz zu mir: „Du bist etwas ganz besonderes. Wirst schon sehen!“ Ich hatte damals und habe bis heute keine Ahnung was das genau bedeuten sollte, aber es klang verheißungsvoll. Es klang nach etwas Erstrebenswerten, Positiven. Ich erlebte mich selbst zwar mein Leben lang nie anders als guter Durchschnitt, strebte fortan aber folgsam nach dem ganz Besonderen. Meine Großmutter musste ja schließlich gewusst haben wovon sie sprach, oder?

Ich wollte in meinen beruflichen Anfängen nicht nur einfach Sozialabeiterin sein. Was ich tat, sollte als gesellschaftlich relevant betrachtet werden. Später suchte ich als Kommunikationstrainerin und Coach  die besonderen Kniffe, das besondere Wissen, die besonderen Techniken. Als in den späten Achtzigern die Moderationstechniken aufkamen reiste ich wie eine Magierin mit Geheimwissen und einem großen Koffer voller Kärtchen und Stifte von Seminarhotel zu Seminarhotel und brachte jedes beliebige Thema auf meine unnachahmlich besondere Art an die Pinwände. Ich war ständig auf der Suche nach der perfekten Intervention – ganz und gar biblisch hoffte ich in meinen Beratungsstunden, genau das eine besondere Wort, den einen Satz zu finden, der in den Seelen meiner Klientenxs den Anstoß zur Weiterentwicklung geben würde.

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Es dauerte fast zwei Jahrzehnte bevor ich mich danach zu sehnen begann, ich möge meinen Klienten einfach nur mehr gegenüber sitzen und wir würden ganz einfach miteinander sprechen. Keine Kärtchen mehr, keine gefinkelten Fantasieübungen, keine Aufstellungen mit Bodenankern, keine bunten Bilder, Symbole oder Zauberworte mehr. In mir war eine Sehnsucht und ich glaube auch eine Kraft gewachsen einfach nur ein waches Gegenüber meiner KlientInnen sein. Ohne Klimbim und Trara. „Zwei Menschen in einem Raum, im Gespräch und sonst nichts“  wie es mein geschätzter Kollege Wolfgang Loos einmal beschrieb.

Als Yogalehrerin machte ich es genauso. Der in der Ausbildung erlernte klassische HathaYoga erschien mir – wieder einmal – zu wenig besonders. Schließlich brachte ich ja Erfahrung aus Tanzpädagogik und  Alexandertechnik mit, das musste unbedingt integriert werden. Mein Yoga sollte schließlich etwas besonderes, individuelles, therapeutisch wirksames sein.  Ausgerechnet in der Fortbildung zur Yogatherapie begegnete ich dann der radikalen Einfachheit des Yoga. Der Lehrer, ein indischer Arzt mit gutem Ruf, erläuterte glaubhaft die Notwendigkeit allereinfachster Yogaübungen, wenn diese therapeutisch wirken sollten. In der Rückenlage ein Bein anheben und das Knie beugen, strecken, dazu den Atem zählen, Pausen in Fülle und Leere … das heilt?
„Bis 35 Jahre werden mit dem Yoga Kräfte aufgebaut, in den mittleren Jahren werden sie erhalten und im Alter gilt es, den Abbau zu begleiten.“ sagte der Arzt mit entwaffneder Offenheit und: „When old, we are going towards reality.“ Damals war ich zu jung um das zu verstehen. Ich hatte keine Ahnung wie sich „Abbau“ und „going towards reality“ anfühlen könnten und glaubte allen Ernstes, mit dem richtigen Yoga könnte ich genau das verhindern.

Auch mit dem Essen hielt ich es recht kompliziert. Vegatarisch, Vegan, Paleo, Bio, Vollwert, … nur Raw und Frutarisch habe ich ausgelassen. Ayurvedisch, TCM, Französisch, Chinesisch, Italienisch, Thai, …  Slow Cooker, Pizzaofen, Hochleistungsmixer, alles da. Seit einiger Zeit mögen wir auch hier das Einfache mehr als jeden Ernährungs-ismus. Sauerteigbrot, Bauernbutter, eine frische Tomate. Grünen Spargel und Kartoffel. Ein Paar Frankfurter und ein kleines Bier. Erdbeeren mit Schlag, und ja, gezuckert. Was es halt gerade gibt, kein Drama mehr mit dem Essen. Und siehe da, mein sensibler Magen liebt das mehr als die komplizierteste NEM-unterstützte Darmdiät…

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So leben der Herr KK und ich jetzt also einfach in den Tag hinein. Manchmal gehen wir eine Runde spazieren, weil wir gerade sonst nichts zu tun haben. Entrümpelt haben wir bereits, darüber habe ich Ihnen ausführlich berichtet. Gekocht wird was es am örtlichen Markt gerade gibt. Im meinen Yogakursen halte ich es weiter mit meiner großen Liebe, der Anatomie und dem Atmen. Das Einfache hat in meinem Leben gerade überall etwas Heilendes.

Ich weiß jetzt auf eine bestimmte Art, auf die ich es vorher noch nicht wusste, was Jugend ist – und ehrlich, es war schön. Das mit dem Alter wird schon werden, wir werden sehen.
Und heute? Nun, ich lehne mich zurück und blicke mit größtem Wohlwollen auf die wachsende Enkelschar in meiner Familie. „Aus dem wird einmal sicher etwas ganz besonderes!“ denke ich bei mir über jedes einzelne dieser entzückenden Kleinkinder und dabei zwinkere ich innerlich meiner Großmutter zu.

Möge in Ihrem Leben, liebe Leserxs, hin und wieder das Einfache aufblitzen und Sie erheitern,

wünscht Ihnen

JKK

Das Beitragsbild ist von: ©uniquedesign52-woodland-pixabay.com

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4 Gedanken zu “alt werden – einfach werden

  1. Da beneide ich dich, denn nach meinem Burnout wünschte ich nur Ruhe und Erholung. Nachdem ich meinen geliebten und manchmal verhassten Beruf an den Nagel gehängt habe, fühle ich mich leer und wenig nützlich.
    So sehr ich mich übe in Nichtstun, Hobbies und Hausarbeit – es fehlt die Begeisterung. Ich bin ausgebrannt, weil ich brannte für meinen Beruf. Jetzt brenne ich nicht und fühle mich gar nicht gut dabei. Da ist guter Rat teuer.

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    1. Liebe Andrea, ja, guter Rat ist hier teuer. Oder vielleicht braucht alles seine Zeit und darauf vertrauen. Bezüglich Beruf glaube ich auch, dass es so etwas gibt wie ein unwiderrufliches GENUG von bestimmten Kontexten, so ein partielles Burnout das bleibt einfach bestehen, auch wenn sich der Mensch wieder erholt hat. Ging mir jedenfalls so. Ich wünsche dir von Herzen, dass sich bald mal – tada!! – etwas Neues, helles lebendiges zeigt …

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  2. Ach, Judith! Was solll ich dazu noch sagen. Hast du doch bereits alles gesagt.
    In vielem finde ich mich wieder und viel Gleichklang ist da – offensichtlich auch in den Lebensläufen, zumindest in dem mir bekannten. Dein Satz „In mir war eine Sehnsucht und ich glaube auch eine Kraft gewachsen einfach nur ein waches Gegenüber meiner KlientInnen sein“ hat mich sehr angesprochen. Denn genauso ging es mir als Psychotherapeutin. War ich doch so stolz auf meinen Bauchladen mit den vielen Methoden und Interventionen, habe ich ihn in den letzten Jahren zurückgelegt und war einfach nur mehr da …

    Auch ich habe eine Hatha-Yoga-Ausbildung gemacht. Allerdings ohne Abschluss. Anderes war dran zu der Zeit. Jedoch habe ich mir für mich selbst sehr viel davon mitgenommen …

    Und so treffen wir uns in der Einfachheit und Gelassenheit des Lebens in unserem Altwerden …
    Alles Liebe Monika

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