kathedralen und schwarze schweine – eine reise nach kastilien

Dies liebe Leserxs, ist der erste Beitrag in der neuen Reisen-Kategorie meines Blogs.
Die Reisen mit meiner Mutter sind, wie Sie wissen, literarisch verarbeitet und abgeschlossen. Ich fahre jedoch weiterhin öfters mal fort und werde Ihnen dann und wann darüber berichten. Kleine individuelle Reiseberichte werden es sein, eine Einladung auf persönliche Art Landschaften, Städte und Fremdheiten aller Art zu erleben. Begleiten Sie mich heute nach Zentralspanien, in das Land der Kathedralen und der schwarzen Schweine.
Kastilien und Extremadura, 9 Tage, eine Rundreise. Keiner unserer Freunde hatte so eine Reise schon mal gemacht. Andalusien, ja. Jakobspilgerweg, ja. Baden in Malaga, ja. Barcelona, Valencia, ja klar. Aber Zentralspanien? Madrid und Toledo ausgenommen – war da überhaupt etwas?  Wir hatten keine Ahnung was auf uns zukommen würde.

©jkk – Madrid

Madrid, das hieß täglich 13 km staunend Pflastertreten. Auf baumgesäumten Boulevards, in Museen, in Parks und U-Bahnhöfen. In richtigen Großstädten ist alles groß – und Madrid ist eine richtige Großstadt. Atemberaubend in Modernität und Historie gleichermaßen. In einer Ausstellung über das frühe Werk von Picasso erfasste mich spontan eine Berührtheit wie schon lange nicht mehr – ich betrachtete ein Gemälde und musste plötzlich weinen.
Von Anfang an war da, was uns an dieser Spanienreise besonders erfreuen sollte: Überall waren junge Leute, überall waren Spanier. Vielleicht klingt es seltsam in Ihren Ohren, liebe Leserxs, aber der öffentliche Raum gehört den jungen Spaniern. Auch an den Touristenhotspots. Überall Spanierxs, in kleinen und großen Gruppen. Mit Schultaschen, Radios, Kinderwägen … auf der Straße, auf Plätzen, Stiegen, Grünflächen, Parkbänken … Sie reden immerzu, und laut. Mehrfach saßen wir als einzige Gäste in einem Cafe, einer Bar und dann kamen drei oder vier Spanierxs herein. Plötzlich war die Bude voller Leben und Palaver. Que viva!
Wir waren gewarnt worden: Taschendiebe treten in Gruppen auf, die wie Touristen gekleidet sind, oder Büroleute auf Mittagspause. Also schnallten wir uns die Wertsachen eng an den Körper und waren wachsam – umsonst. Nicht ein einziges Mal in den ganzen 9 Tagen kamen wir auch nur in die Nähe einer beklautwerden-Situation.

Bier und Chips und Schweinefleisch überall …

Dafür wurden wir rasch mit der zentralspanischen Schweinefleisch&Frittier-Diät konfrontiert. Zu jedem Entspannungsbier gab es ein oft ziemlich großes Gratisschüsserl mit Chips oder frittierten Kartoffeln oder frischen Grammeln oder Beidem. Wollte man Tapas, gab es eine lange Liste von Brötchen mit Schweineschinken-Variationen. Bis zu 300€ kostet übrigens ein Kilo besten Schinkenspecks der eichelgefütterten Schweine! Hin und wieder gibt es Huhn, Fisch, Garnelen – aber alles frittiert. Im Ernst. Ein einziges Mal erwischten wir  Tapas-Artischockenbällchen, die waren auch frittiert. Es war, als würde hier kein Gemüse wachsen. Und die Glashäuser von Almeira sind wohl schon zu weit entfernt.

Unsere Reise führte über den großen, in meinen Augen enorm hässlichen Regierungssitz und Klosterprunkbau Escorial aus der Renaissance nach Avila, der ersten von mehreren entzückenden alten Städtchen. Es gibt in der Gegend überall Funde einer uralten ibero-keltischen Kultur, alte Römerbrücken und natürlich in  jeder Stadt atemberaubend schöne, mit in Gottes Namen geraubtem Indianergold zugepflasterte Kathedralen. In Avila setzte ich mich nach dem Besuch derselben noch ganz verzaubert von der Atmosphäre neben eine Statue der Heiligen Theresa und atmete ein wenig ihren guten Geist.
In Segovia wurde uns mit viel Trara ein ganzes Spanferkel serviert – so zart, dass es traditionell mit einem Porzellanteller zerteilt wird. Auch hier: Bier und Brot dazu, kein Gemüse. Die Häuser der Altstadt haben wunderschöne Sgrafitto-Fassaden. Die kurzen winkeligen Gassen münden überraschend in kleine beschauliche Parks und Plätze. Das bunte Leben von einst stand dem heutigen wohl nichts nach.

 

©jkk – Segovia by night

Salamanca fand ich die bezaubernste der alten Städte. 30.000 Studenten gibt es hier an einer der ältesten Universitäten der Erde und ein Leben in den Gassen! Herzerwärmend. Der Cafeconleche kostete 1,20 Euro und ein schmalzgebackenes Keks gab es gratis dazu. Der Herr KK und ich wurden inmitten der vielen Studenten gleich wieder jung und lässig und nahmen im Stehen noch ein, zwei Gläschen Wein.

©jkk – Kathedrale Salamanca

Natürlich ist die Placa Major ganz berühmt und natürlich steht hier auch eine der fantastischten Kathedralen, die bei der die Renovierung auch gleich modernisiert wurde – finden Sie den Fehler, rsp. den Astronauten, liebe Leserxs?
Westlich von Salamaca wandelt sich die Landschaft. Kolchosengroße Felder zum Anbau von Kartoffeln oder Getreide wechseln mit Weideflächen, locker durchsetzt mit kleinen spitzen Steinbergen und Steineichen. Langsam beginnt die Extremadura. Stundenlang fuhren wir entlang von Dehesas, einer Art Großraumweideflächen. Hier beweidet nicht  jeder Bauer seine eigenen Wiesen, sondern die Gründe sind zusammengelegt und alle Bauern lassen ihre Tiere dort weiden. So fressen die Kühe das Gras, die Schweine die Eicheln, die Schafe und Ziegen die kleinen Büsche.

©jkk – Estremadura-Stiere

Auch schwarze Stiere für die Kämpfe sahen wir auf den Weiden. Sie wachsen völlig wild und frei in den riesigen Dehesas auf und haben keinen Kontakt zu Menschen. Wenn sie in die Arena gebracht werden, stehen sie erstmals gezielt einem Menschen gegenüber und werden in einem streng choreografierten Ritual getötet. Unverstellte Urkraft gegen die Finessen jahrhunderte alter Kampfkunst. So lautet das Spektakel. Drei Jahre ein herrliches Leben und dann nach 15 Minuten Quälerei der Tod mit einem einzigen Stich – das scheint den Spaniern fair. Die Toreros genießen auch heute großes Ansehen. Viele kommen aus kleinen Bergdörfern, in deren Tavernen ihre Fotos zusammen mit den von ihnen erlegten Stieren von der Wand herunter schauen.

Wenn man in die Extremadura fährt, kommt man an der heiligen Jungfrau von Guadalupe nicht vorbei. Sie gilt als eine der heilkräftigsten Madonnen der Welt und wohnt in der Kathedrale eines Bergdorfes, das, wie könnte es anders sein, von einem riesigen Kloster beherrscht wird. Ganz in Gold gekleidet leuchtet sie in den Kirchenraum herunter. Wer zu ihr beten möchte, reiht sich ein in den Strom von Führungen und lässt sich durch überlebensgroße Wandbilder ihrer Wunder einstimmen. Dann betrachtet man ehrfürchtig die Geschenke der Geheilten bevor einem ein Mönch über eine Wendeltreppe in einen kleinen Saal hinter dem Altar führt. In einem kleinen feinen Ritual wird die Madonna umgedreht, sodass sie jetzt zu den Besuchern her leuchtet. Wer mag, geht hin, verneigt sich vor der Madonna und erhält einen Segen durch den Mönch. Sie werden es nicht glauben, liebe Leserxs, aber ich habe die Madonna um eine Besserung meiner akuten, brüllenden Knieschmerzen angefleht und sie hat mich geheilt. Bis heute ist mein Knie wieder gut, kein Scherz. Ein wenig erleuchtet und ziemlich verwirrt aßen wir abschließend im Parador des Dorfes die dortige Spezialität: Blutwurst mit Pommes.

©jkk-Kastilien/Estremadura

Durch die Extremadura führten früher wichtige Handelswege. Sehr gut erhaltene römische und trutzige maurische Siedlungen wie Merida, Cacares und Placencia bilden bis heute belebte, heitere Zentren in der flachen, kargen Landschaft. Im Sommer ist es unerträglich heiß, im Winter bläst ein eisiger Wind. Pizarro kam von hier. Sein Denkmal, sein Geburtshaus und sein Palast dominieren scheinbar unkritisiert den kleinen Markt. Aber es gibt auch moderne Kunst in den kleinen Städten.

©jkk – street art Plascencia

 

Letzte Station: Toledo, das einzige Touristendisneyland unserer Reise. Hier schoben sich die Massen. Der Kaffe kostete auf einmal wieder 3 Euro und kam ohne Kuchen. Wer nicht groß essen wollte, wurde aus den Restaurants verscheucht. Ich hörte mir zum zweiten Mal in meinem Leben eine halbe Stunde lang die Erklärungen zu dem riesigen, schiachen aber berühmten Gemälde von El Greco an und war genauso enttäuscht wie damals, als ich schon einmal hier gewesen war. Toledo war noch genauso schön wie früher, aber diesmal hatte ich vorher die anderen alten Städte gesehen. Hatte deren Belebtheit und Stille genossen. Die gemütlichen Cafes. Die jungen Spanierxs. Die Kirchen und Klöster, welche an Großartigkeit jenen hier nichts nachstanden. Toledo, das hieß diesmal: Unaufhörliche Ströme von ellenbogenbenutzenden Japanern, Chinesen, Russen, … und alle wollten alles gleichzeitig vor ihre IPad-Linse kriegen. Na ja. Das einzig Gute waren die Tapas in einer versteckten, sehr gepflegten Bar, dem La Cave. Endlich liebevoll zubereitetes Gemüse, endlich Früchte. Hingehen, wenn Sie mal in Toledo sind, liebe Leserxs!

Wieder zu Hause, tranken wir eine Woche lang kein Bier und bis heute essen wir jeden Tag ein anderes Gemüsegericht …
Wenn sie jemals Spanien bereisen möchten, liebe Leserxs, vergessen Sie Kastilien nicht.

Herzlich

JKK

 

 

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