yoga und hypermobilität teil 1

Hypermobilität ist ein wenig diskutiertes Thema. Nicht nur im Yoga. Der Begriff ist etwas schwammig, klare Diagnosen offenbar nicht so einfach. Hilfe und Therapie beschränken sich auf Muskelaufbautraining, Stabilisierungsübungen und unterschiedliche Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel. Dennoch könnte es für den einen oder anderen von Ihnen, liebe Leserxs, hilfreich sein, darüber nachzudenken. Vielleicht weil Sie selbst Betroffene sind und Ihren Leidensweg abkürzen wollen. Vielleicht weil Sie in einem Gesundheitsberuf arbeiten und Impulse für Betroffene suchen. Oder weil Sie ganz einfach Yogalehrerin sind und Ihren Unterricht teilnehmergerechter gestalten möchten.
Ich werde mich in zwei Teilen mit diesem Thema auseinandersetzen. Heute, im ersten Teil, erzähle ich Ihnen meine persönliche Geschichte dazu und stelle Ihnen neben einem Symptomkatalog eine Übung vor, die bei mir sehr gute Wirkung zeigte und eine wunderbare Abwechslung zu den üblichen CORE-Stabiliserungsübungen darstellt.

Vor vielen Jahren saß ich zum ersten Mal mit höllischen Rückenschmerzen beim praktischen Arzt meines Vertrauens. Ich war von einem Stuhl aufgestanden und hatte mich dabei „verrrissen“, wie es so schön heißt. War bewegungsunfähig und konnte vor Schmerzen kaum atmen. „Jo mei,“ sagte der Dorfarzt nahe der tschechischen Grenze nach eingehender Untersuchung. „Bei deine laschen Bandeln is des koa Wunder. Do wird dir imma wieda amoi was auseinanderrutschen!“ Er bot mir als Therapie an, Zuckerlösung in die laschen Bänder zu spritzen, dies würde eine Entzündung hervorrufen in deren Folge die Bänder sich mit etwas Glück an den richtigen Stellen verkürzen würden. Ich erbat mir Bedenkzeit und lehnte nach kurzer Recherche zum Thema Zuckerspritzen dankend ab.
In den folgenden Jahren war ich mit vielerlei Schmerzen und deren Therapien beschäftigt. Bandscheibenvorfall, Hexenschuss, Zerrung, Verpannungssyndrom, Lumbalgie, zu wenig Muskeln, Beinlängendifferenz, Ischias, ISG-Syndrom, Nervenreizung, Burnout … ich wurde zum Weltmeister unterschiedlichster Beschwerden und Diagnosen und kam in Kontakt mit gefühlt jedem Schmerzmedikament, das bei uns legal verschrieben werden darf. Ich machte brav Krafttraining, Yoga, unsäglich viele Arten von Physio- und Körpertherapien und marschierte zu jedem Wunderheiler, den mir irgendwer empfahl. Alles half ein bisschen und vorübergehend. Dann kam wie das Amen im Gebet der nächste Anfall.

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Die allererste, ein wenig patschert formulierte Diagnose über die „laschen Bandln“ hatte ich längst vergessen, als ich 20 Jahre später nach einem besonders schlimmen Anfall auf Reha fahren durfte. Dort wurde ich sehr sorgfältig neurologisch und physiologisch untersucht. Diagnose: „Hypermobilitätssyndrom“ stand nun auf einmal im Arztbericht. Erstaunt hörte ich die Erläuterung: Das gesamte Bindegewebe sei zu weich bzw. schlaff, die Bänder, welche die Gelenke zusammenhalten sollen, zu lang. Daher tanzen die Knochen in den Gelenken umher wie sie lustig sind und blockieren rasch. Die Muskeln dazwischen versuchen verzweifelt zu stabilisieren,  sind überlastet und verspannt. Das zusammen verursacht die Schmerzen, die Krämpfe, die Nervenreizungen etc. Die Gründe sind vermutlich genetisch, helfen tut am meisten ein gezieltes Ganzkörper-Stabilitätstraining. Bestimmte Formen von Yoga sind kontraproduktiv. Lange gehaltene Dehnungen und abrupte Belastungen der Gelenke können den Zustand verschlimmern. Tatsächlich konnte ich mich auf der Reha gut erholen und stabilisieren. Ein geschickter Physiotherapeut half mir, einen völlig eingeschlafenen Transversus Abdominus aufzuwecken und dauerhaft zu aktivieren. Die Mischung aus warmen Packungen und Massagen gegen die Verspannungen und gezieltem CORE-Training wirkte ausgezeichnet.
Als es mir besser ging, durchsuchte ich das Internet nach Hypermobilität. Wenig fand sich dazu auf den deutschen Seiten, etwas mehr auf den englischen. Hypermobilität kennt ein paar gut nachweisbare genetisch bedingte Formen. Die Tests dazu zeigen Menschen, die ihre Daumen abbiegen können bis sie den Unterarm berühren, die Knie und Ellenbogen enorm durchstrecken, die – ohne Yogis zu sein! – in einer Vorbeuge beide Hände flach auf den Boden legen etc. Ich bin bei weitem nicht überflexibel in den Gelenken, ich hätte mir so eine Diagnose niemals selbst gegeben. Bei näherem Studium begann ich aber mehr darüber zu verstehen. Es gibt eine Reihe von Begleiterscheinungen, die zum Syndrom des weichen Bindegewebes gehören. Für mich hat sich da viel geklärt. Aber prüfen Sie selbst:

  • Bekommen Sie sehr leicht blaue Flecken? Einmal anstupsen genügt? Sie entdecken regelmäßig einen blauen Fleck ansich ohne zu wissen, woher der kam? Ich musste zb.  das Volleyballspielen aufgeben, weil meine Unterarme schmerzhaft dunkelblau und angeschwollen waren, nach jedem Training.
  • Hatten oder haben Sie öfters umgeknackste Knöchel?  Sehr schnell kleine Sportverletzungen, wenn es mal stärker wird? Was den anderen gesunde sportliche Herausforderungen sind, endet bei Ihnen in Zerrungen?
  • Haben Sie das Gefühl, Sie können nicht richtig laufen? Sie plumpsen mehr auf Ihren Gelenken herum anstatt federnd elegant zu trippeln?
  • Sind Sie trotz Training und gutem Allgemeinzustand bei Ausdauersportarten schnell erschöpft?
  • Macht Ihnen langes Gehen wenig Spaß? Wo die anderen erst so richtig auf Touren kommen ist es für Sie schon irgendwie mühsam?
  • Längeres Sitzen ist eine anstrengende Sache?
  • Hängen Sie sich zum Entspannen gerne in die Gelenke? Auch beim Yoga etwa – anstatt die Muskeln arbeiten zu lassen?
  • Haben Sie trotz gesunder Lebensführung Bandscheibenvorfälle und Abnützungen in den Gelenken?
  • Kommen Ihre Beschwerden scheinbar aus dem Nichts? Bei kleinen Alltagsbewegungen? Wachen Sie morgens damit auf?
  • Ist Ihr Körperfettanteil ungewöhnlich hoch, obwohl Sie sich gut ernähren und ausreichend bewegen?
  • Wurde Ihnen schon Silicium, Magnesium, Omega3 und mehr Eiweiß empfohlen, für mehr Muskeln und ein „strafferes Bindegewebe“?

In Summe denke ich, sind dies alles Hinweise auf  Hypermobilität und Bindegewebsschwäche, auch wenn jemand gar nicht überbeweglich aussieht. Wenn Sie mich sehen, würde ich auf Sie wohl eher steif wirken, oder verspannt. Die Begleiterscheinungen sprechen jedoch eine deutliche Sprache.

Also besteht mein Leben aus Stabilisierungsübungen aller Art. Seitstütz, Liegestütz, Bauchmuskeln, Rückenmuskeln, Koodination derselben, … und ich hoffe stark auf eine gute Entwicklung. Leider finde ich die klassischen Übungen auf Dauer alle ein wenig fade. Daher möchte ich heute eine mit Ihnen teilen, liebe Leserxs, die mich gerade begeistert: ein umfassendes CORE-Training im Gehen.
Entwickelt hat diese Übung der geniale Eric Franklin. Im Video hier stellt er sie ausführlich vor, allerdings auf Englisch. Lesen sie weiter unten meine persönliche Übungsvariante, die ich mit Freude in mein tägliches Programm aufgenommen habe. Sie ist so schön vielfältig, denn gehen tu ich sowieso jeden Tag ein Stück. Ich glaube sie ist enorm nützlich, auch wenn Sie nicht an einem schwachen Bindegewebe leiden.

Der Stabilitätsspaziergang – meine Variante

  • 100 Meter normales Gehen mit Aufmerksamkeit auf aktiver Bauchbewegung beim Aus- und Einatmen.
  • 10 Meter mit erhobenen Armen
  • 100 Meter mit Aufmerksamkeit auf Bauchbewegung und mitschwingenden Armen
  • 10 Meter mit erhobenen Armen
  • 100 Meter mit Bauchbewegung und innerlich mental laufend (ja, richtig elegant und kräftig!)
  • 10 Meter mit erhobenen Armen und Bauchbewegung
  • 100 Meter gehen als ob Sie ein Trainer bremsen würde bzw. Sie gegen starken Wind angehen würden
  • 10 Meter mit erhobenen Armen und Bauchbewegung

Das macht etwa einen halben Kilometer und dauert hin und retour ca. 20 Minuten. Es wirkt wie richtiges Training, ob Sie’s glauben oder nicht liebe Leserxs. Sie trainieren Ihren Körper, Kraft, Ausdauer, Koordination und mindestens gleichviel Ihren Geist. Nach Belieben und Vergnügen können Sie Ihren CORE-Walk verlängern oder wiederholen. Wegen der paar Meter mit erhobenen Armen wird Sie schon niemand für verrückt halten 😉

Im nächsten Beitrag werde ich aus der Perspektive der Yogalehrerin darstellen, was es mit der Hypermobilität speziell im Yoga auf sich hat. Welche Arten von Yoga förderlich sind und welche ich jenen von Ihnen mit einem weichen Bindegewebe, liebe Leserxs, verbieten würde. Und warum.

Bis dahin lade ich Sie ein, sogleich mit dem CORE-Walken anzufangen,

herzlich

JKK

Dass Beitragsbild ist von ©Noupload-burnout-pixabay.com

Zum Weiterlesen:

Der Physiotherapeut Paul Gellert beschreibt auf der Seite physiotherapeuten.de Symptome und Leidensweg von Menschen mit hypermobilen Gelenken und schwachem Bindegewebe.

Mehr info, Hintergründe, und Studien finden sie hier: http://www.medicinenet.com/hypermobility_syndrome/article.htm

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