das schweigen der alten paare

Neulich war ich unterwegs mit alten Damen. Ich mag alte Damen, wie Sie vielleicht in früheren Blogbeiträgen schon das eine oder andere Mal bemerkt haben, liebe Leserxs.

Genauer gesagt war ich spazieren und dann mittags essen mit den zwei alten Damen. Die beiden hatten viel zu erzählen, sehr viel. Jede über sich und alles en Detail, ein Stichwort gab das andere. Soviel musste erzählt werden, dass es manchmal nur gleichzeitig ging. Ich wanderte erheitert in der Mitte und sagte mal „Aha!“ nach links und dann wieder „Oh, naja!“ nach rechts.

©sponchia-giraffes-pixabay.com
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Dazwischen hatte ich Muße nachzudenken, ob im höheren Alter das Gesprochene eine Hilfestellung, so etwas wie ein Anker ist, um sich selbst noch lebendig und klug wahrnehmen zu können. Bei meiner Mutter habe ich manchmal das Gefühl, wenn sie mir am Telefon haarklein erzählt was genau sie heute morgen schon getan hat, geturnt hat, gedacht hat, geputzt hat, erinnert hat… es ist so als würde sie sich an ihren eigenen Worten und allen aufkommenden Gedanken entlanghanteln und so sich selbst und der Welt beweisen, dass sie sich geistig vollfit in ihrem Leben bewegt.

Auch bei meinem Vater hatte es in seinen letzten Jahren eine Zeit gegeben, in der er keine Gespräche in Sinne eines Gedankenaustauschs mehr führen hatte können. Alle Kommunikation wurde zu einem „Stichwort-löst-Vortrag-aus“ – Spiel und ich war damals jung und dumm genug um mich respektvoll schweigend unendlich zu langweilen.

Heute, mit meinen zwei alten Damen, bin ich mutiger und selbstsüchtiger: Ich höre zu wenn es mich interessiert, ich schweife ab wenn mein Gehirn das möchte und ich unterbreche gnadenlos und rede selbst wenn ein passendes Stichwort auftaucht. So geht das sehr gut. Dann plötzlich, bei den letzten Schlucken Kaffee wächst in mir eine Sehnsucht, so schnell und so groß, dass ich richtiggehend erschrecke. Die Sehnsucht nach Stille, nach Schweigen. Genau genommen nach der unendlich angenehmen Stille zwischen dem Herrn KK und mir, wenn wir zusammen unterwegs sind, im Kaffehaus sitzen und Zeitung lesen. Die Stille wenn wir auf Urlaub sind und in der Trattoria gemeinsam auf die belebte Straße schauen – und schweigen. Ich sehne mich nach der Stille, nach dem wunderbaren gemeinsamen Schweigen der alten Paare.

©Efraimstochter-control-pixabay.com
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Das war nicht immer so. Denn gesehen haben wir sie alle, immer schon: ältere Paare, die zusammen in einem Lokal sitzen, essen, trinken und schweigen. Hin und wieder ein Wort, eine Geste, ein Blick. Keine längere Unterhaltung, kein Streitgespräch, kein Erzählen begleitet von perlendem Lachen, kein Flirten, kein Austausch. Lange Jahre war das für mich die Abschrecknummer schlechthin, ich stellte es mir entsetzlich vor, ein ödes sinnentleertes rumsitzen. Mit allen Freundinnen (mit denen man so etwas ja nie erlebt, egal wie alt man ist) war ich mir da einig. Wenn der Herr KK und ich einmal so weit kommen, dachte ich, dann ist es aus.

Ich bemühte mich unsäglich, sogleich eine anregende Kommunikation mit ihm zu führen, kaum dass wir irgendwo öffentlich zusammensaßen. Ich wurde richtig gut im themenvielfältigen Ehefrauen-Smalltalk – und der Herr KK bemühte sich ebenso um höfliche Antworten. Er hätte oft viel lieber die Zeitung gelesen oder einfach nur in die Luft geschaut, sagte er später einmal.
Zumindest bei mir ist nun einmal so, liebe Leserxs: wenn man lange Jahre mit einem Partner zusammen ist und eventuell auch gemeinsam in Pension, gibt es nicht mehr andauernd soo viel zu sagen. Das Meiste erlebt man gemeinsam. Die großen Probleme sind alle schon öfter gewälzt und eine neuerliche Runde ist gerade nicht nötig. Die Beziehung ist stabil geworden. Eine bestimmte Art von Frieden ist eingekehrt. Ich nenne es den Frieden der alten Paare. Es hat etwas Gutes und fühlt sich nicht öde oder verwerflich an. Es darf Friede sein, es darf Stille sein, es darf Schweigen sein.

©tommyolsson-nature-pixabay.com
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Seit ich (mir? uns?) das erlaube, genießen wir die gemeinsamen Ausflüge auf neue Art. Wir wandern herum, setzen uns ins Kaffehaus, auf die Parkbank, in den Gastgarten, in die Vinothek – und schweigen in aller Ruhe. Wenn uns etwas einfällt, sagen es wir. Wenn nicht, bleibt es still. Wie angenehm das ist, hätte ich mir nie träumen lassen.

Wenn Sie uns oder ein anderes altes Paar irgendwo schweigen sehen, erwägen Sie zumindest die Möglichkeit, liebe Leserxs, dass es den beiden gut geht. Dass ihnen nichts fehlt. Dass deren Ehe nicht am Ende ist und die beiden haben es nur nicht mitgekriegt oder so –

jetzt werde ich kochen und dann essen wir und gehen eine Runde spazieren – eventuell sogar schweigend,

grüßt Sie

JKK

Das Beitragsbild ist von ©JoaquinAranoa -love-pixabay.com

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4 Gedanken zu “das schweigen der alten paare

  1. Liebe Judith, es ist wunderbar deine Gedanken und Erfahrungen zu lesen. Es ist besser als eine Therapie Stunde. Ich bin sehr dankbar für deine Beiträge. Alles Liebe Ulrike

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  2. Das hast du sehr schön beschrieben! Mein MF hat mir einmal gesagt, er geht gerne alleine spazieren (Hund I darf mit), weil er da nicht reden muss. Zuerst fühlte ich mich angegriffen, dann probierte ich selbst aus, weniger bis fast nichts zu reden – und siehe da, der Erholungswert ist ungleich größer. Es bleibt einfach mehr Zeit, um die Schönheit der Natur zu genießen, Details wahr zu nehmen. Inzwischen gehe sogar ich gerne alleine spazieren (mit Hund II). Ich bin es so gewohnt gewesen, immerzu zu reden, Stille im Gespräch zu füllen. Jetzt, wo ich am Land lebe und tagelang außer meinem FM, zwei Hunden, zwei Eseln und einer Katze niemanden treffe, finde ich es wirklich anstrengend, wenn Besuch da ist, der viel redet.

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