augen auf beim shopping – eine ermutigung

In den letzten Wochen habe ich mehr Zeit als sonst in Shoppingcentern verbracht. Dabei habe ich etwas gelernt und das möchte ich mit Ihnen teilen, liebe Leserxs. Die Kurzfassung dieses Posts lautet: Bitte machen Sie beim Einkaufen die Augen auf. Sehen Sie hin, was die angebotenen Waren Ihnen als Mensch zurufen und spiegeln. Wer sind Sie? Was sind Sie? Echt jetzt?
Dazu, tatsächlich und als Metapher, erzähle ich Ihnen von Kleider-und Modegeschäften. Gehen Sie mit mir in ein beliebiges Einkaufszentrum. Ein, zwei große Supermärkte, 20-30 Stores großer Bekleidungsmarken, einige Parfumerien und Schuhgeschäfte. Mitten im Trubel vor den Fastfoodläden schlampige Gruppierungen von Plastiksesseln mit verschmierten Tischen. Die klimatisierte Luft ist zum Schneiden trocken, Endlosmusik dröhnt aus vielen Lautsprechern. Überall schieben und drängeln sich Menschen. Alles ist öffentlicher Raum, zugänglich, schnell und laut. Hier kann niemand eine Unterhaltung führen. Eigentlich, wenn Sie etwas auf sich halten, müssten Sie jetzt wieder gehen, denn dies ist kein schöner Ort. Hier hat niemand Zeit, sich in Ruhe etwas auszusuchen, etwas anzuprobieren, beraten zu werden. Als Mensch, als Kunde wertgeschätzt und wahrgenommen zu werden. Hier kann niemand die Freuden des gelingenden Einkaufens oder guten Esens genießen. Aber meistens gelingt der unternehmerische Trick: Bedudelt von Licht, Glitzer, Fülle und Rabattschildern werden Sie vom Mensch zum bloßen Konsumenten. Das beutejagende Tier in Ihnen erwacht. Augen und Ohren ändern ihre Wahrnehmungsfilter. Ihr inneres Tempo wandelt sich von gelassen zu rastlos. Ihr Atem wird flach und der Tastsinn geht gegen null. Aber egal. Mal sehen was zu kriegen ist. Die Türen der Shops stehen weit offen, die mögliche Beute winkt in allen Farben und Formen.

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Ich habe mich nun einmal nicht überrollen lassen. Habe versucht bei mir zu bleiben, weiter zu atmen und genau hinzuschauen, was da ist. Absichtlich nichts kaufen, nur schauen und Fragen stellen. Es war gruselig, liebe Leserxs, leider. Oder können Sie mir sagen, warum in nahezu allen Kleidergeschäften die ganze Ware einer Marke oder eines Modells engstens auf Kleiderständer zusammengepfercht wird, sodass es Schwerarbeit wird, sich ein Teil in passender Größe herauszuziehen? Es ist dann unmöglich so ein Teil wieder zurückzuschieben, man muss es draussen hängen lassen. Verkäuferinnen stehen nicht zur Verfügung, denn die wenigen die es noch gibt müssen alles wieder reinpressen. Ich werde wütend wenn ich auf der Suche nach einer passenden Hose so etwas mehrfach erleben muss. Das elende Gewurstel ruiniert in Wahrheit die Ware und entwertet auch bessere Teile. Oder wissen Sie, warum es heuer kaum mehr ordentliche Schnitte gibt? Nahezu sämtliche Oberteile sind einfache oversize-Vierecke und weit draussen sind kleine Ärmelchen angenäht. Die Teile sind entweder kurz oder überlang und aus dicken, für Innenräume viel zu heißen und für Mäntel viel zu bulkigen Angora- und Flauschmaterialien. Wem passt so etwas wirklich? Wer soll das anziehen? Warum staubt und stinkt es in den meisten Läden so eklig? Mikroplastik und Anti-Schimmel-Chemie in der Luft, Schrankleichen auf Kleiderständer gestopft, Massenware wohin frau schaut. Und überall dasselbe. Daher meine Frage: Was ruft mir so ein Angebot zu, was soll mich ansprechen? Was spiegelt es mir? Was glauben die Anbieter, wer ich bin? Dass ich Massenware bin, mir hässliche giftgetränkte Fetzen umhängen soll nur weil sie billig sind und in einer Modefarbe? Dass es mir total egal ist, wer in Asien oder sonstwo für diese schrecklichen Teile seine Gesundheit opfern musste? Dass ich es nicht wert bin bedient und beraten zu werden, als hätte ich nicht einen wunderbaren individuellen Körper? Dass es mir egal sein soll, wie eine Naht versäubert ist, ein Reißverschluss eingenäht, eine Stoffqualität zugeschnitten wurde? Billig und miese Qualität auf Kosten ärmerer Menschen, das soll ich sein?

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Ich weiß, die goldenen Zeiten der Damenschneiderei für normale Menschen sind vorbei. Als ich jung war, ging ich einmal im Jahr mit meiner Mutter zum Ausverkauf in das beste Modegeschäft der Stadt. Dort standen die aktuellen Modelle liebevoll einzeln arrangiert im Raum. Kein einziger Kleiderständer war zu sehen, die verschiedenen Teile hingen, zum Teil mit Seidenpapier umhüllt, in Kästen. Die Verkäuferinnen sahen mit einem Blick, welche für meine Mutter in Frage kamen und brachten das Richtige, halfen beim Anprobieren. Manchmal riefen sie meine Mutter auch an: „Wir haben jetzt das rote Kleid runtergesetzt, das ist wie für Sie gemacht!“ Und selbstverständlich wurde die Länge individuell angepasst, die Abnäher geprüft und so weiter. Diese paar Sachen hat meine Mutter bis heute, 40 und 50 Jahre danach. Die Farben sind perfekt, keine Naht ging jemals auf, sogar die Schnitte sind noch gut. Einziger Fehler: Meine Mutter würde heute nicht mehr reinpassen, aber das ist eine andere Geschichte. Mein Vater besaß genau drei uralte maßgeschneiderte Anzüge und als meine Mutter zum Neujahr 2000 empfahl, einmal einen neuen zu kaufen, rieb er den Stoff zwischen den Fingern und sagte: „Wozu? Der ist doch sehr gut. Habe ich 1951 vom Schneider X. in Wien machen lassen. Und ausserdem ist der Schnitt schon wieder modern.“
Qualität dieser Art kann sich heute kaum jemand mehr leisten. Oder wollen wir nicht? In meinem StilSicher – Kurs habe ich gelernt, den Preis eines Kleidungsstückes danach zu bemessen, wie oft ich ein Teil mit Freude und Genuss trage. Ein Shirt um 20€, das nach dem dritten Tragen und Waschen Farbe und Form verliert oder nicht mehr trendy genug ist oder mir nicht wirklich passt oder ich das Tragegefühl nicht mag kommt demnach mit 5-7€ pro Nutzung viel teurer, als eines um 100€, das ich drei Jahre lang gerne und oft trage und daher einen Preis pro Nutzung von 1€ oder weniger hat. Als ich begann, meine Garderobe nach diesem Muster durchzurechnen, fiel mir schmunzelnd mein Vater ein. Bei seinem Nutzungsverhalten hätte ihm Valentino persönlich den Anzug auf den Leib schneidern können und er wäre ein Schnäppchen gewesen.
Qualität dieser Art muss man auch heute noch nicht aus einem vollgestopften Ständer herauswursteln, sie stinkt nicht und wurde meist in Europa oder unter besseren Bedingungen gefertigt. Diese Teile sind farbecht, die Stoffe fallen wunderbar, die Nähte verziehen sich nicht und die Freude währt jahrelang. Aber klar, damit so etwas funktioniert, muss alles in der gesamten Garderobe zusammenpassen. Man braucht dann nicht mehr 20 Shirts, sondern fünf und die müssen zu jeden einzelnen Unterteil passen und zu jeder Jacke… Das bedeutet Arbeit am eigenen Modeverständnis, am Kleiderkasten, einen weitgehenden Verzicht auf Schnäppchenjagd und so hart es ist – auf Ersatzbefriedigung.
Sie meinen, das wäre nur bei Kleidung so? Nein, liebe Leserxs, die Kleider sind nur ein Beispiel. Ich möchte Sie ermutigen: Schauen Sie genau hin, überall dort wo Sie etwas kaufen. Es ist bei Nahrungsmitteln und Getränken genau dasselbe. Schauen Sie mal beim Supermarkt in die Einkaufswägen. Was liegt da drin? Was spiegeln hier die Waren ihren Käufern? Und bei Möbeln. Bei Geschirr. Bei Kosmetika. Bei allem. Sind das wirklich Sie? Echt jetzt?

Mögen Sie Ihr Weihnachtsshopping genießen und Waren finden, die zu Ihnen und Ihrem Wert passen liebe Leserxs,

wünscht Ihnen herzlich,
JKK

Das Beitragsbild ist von ©geralt-pixabay.com

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