besser atmen

Richard Brennan war vor vielen Jahren einmal mein sehr geschätzter Lehrer. In der Ausbildung zur Alexander Technik hat er uns mit gemütlichem irischen Humor sowie unendlicher Geduld und Güte beigebracht, wie wir unseren Körper und unseren Geist besser ausrichten und gesund erhalten können. Ich werde nie vergessen, wie er uns gebeten hat, wir mögen uns einfach mal bequem hinstellen. Dann gab er uns einen Stift, um das Hüftgelenk zu markieren, welches jetzt die Hauptbelastung trug. Denn das wäre das erste zum späteren Gelenkersatz. Die Markierung sei, damit wir uns in vielen Jahren an seine Worte erinnern könnten.

Nun hat er ein Buch geschrieben, das nicht besser zum beginnenden Frühling und der Freude alles einmal kräftig durchlüften zu können, passen könnte: Besser Atmen. Richard Brennan hat darin zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, was ihn 40 Jahre Erfahrung mit körperorientierten Therapien und der Alexander Technik gelehrt haben. Wenn Sie, liebe Leserxs, dieses Buch durcharbeiten, erfahren Sie in einer sehr verständlichen Sprache alles notwendige und nützliche über das Atmen. Nicht nur in Theorie, sondern auch in der Praxis: Griffige Bilder und über 30 Übungen zeigen Ihrem Körper, was mit den verbalen Beschreibungen genau gemeint ist.
Besser Atmen ist ein geschickt gemachtes Buch für den Alltag, für die tägliche Übung und zur Erinnerung an unser wahres Wesen. Ohne jemals ins esoterische oder allzu blumige abzugleiten bringt einem der Text ein Stück näher zu sich selbst, lädt ein zu einer freundlichen und klaren Selbstreflexion. Hin und wieder innehalten, die Selbstwahrnehmung stärken, sich neu ausrichten – kleine unkomplizierte Impulse, die in Summe einen großen Unterschied machen.

Natürlich bin ich ein wenig befangen, liebe Leserxs. Ich höre ja Richards angenehme Stimme, wenn ich seine Worte lese, ich bin in Kontakt mit meiner Erinnerung an sein Lachen, seine Freundlichkeit. Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, möchte ich ein paar Gedanken aus dem Buch mit Ihnen teilen.

  1. Über das richtige Atmen gibt es eine Menge Fehlannahmen. Viele von uns glauben zb., dass der Nasenkanal von den Nasenlöchern an aufwärts verläuft, die Luft also von unten nach oben in den Körper gezogen wird. Tatsächlich verläuft der Nasenkanal beinahe waagrecht und nach unten. Probieren Sie den Unterschied aus: atmen Sie einmal ein und ziehen Sie die Luft gedanklich nach oben. Atmen Sie dann den natürlichen Verlauf des Nasenkanals waagerecht nach innen entlang. Spüren Sie den Unterschied? Bei durchschnittlich 20.000 Atemzügen pro Tag kommt da eine Menge unnötige Spannung im so sensiblen Rachenraum zusammen!
  2. Mit Ausnahme von zeitlich auf wenige Minuten begrenzte Atemübungen sollten wir den natürlichen Fluss unseres Atems nicht stören. Also nicht dauernd bewusst tief einatmen, oder den Ausatem verlängern. Sich nicht um mehr Gleichförmigkeit oder Pausen bemühen. Der Atemrhythmus (und seine Unregelmäßigkeiten) eines Menschen ist ein ganz und gar individuelles leicht chaotisches Muster, dem wir unbedingt vertrauen sollten.
  3. Schädlich, bzw. behindernd für unseren Atemfluss sind vor allem körperlich-seelische Gewohnheiten, wie etwa eine verkrampfte Nackenmuskulatur, das Durchdrücken der Knie, das Krallen der Zehen, das Vorschieben der Hüften, das Versteifen des Brustkorbes. Wenn wir Probleme mit der Atmung haben, sollten diese Grundprobleme gesehen und verändert werden und nicht der Atem selbst. Wenn sich der Brustkorb löst oder der Nacken entspannt, vertieft sich der Atem ganz von allein.

Ich empfehle Richard Brennans Buch all jenen unter Ihnen, die sich für´s Atmen interessieren und dazu umfassend informiert und zum Üben eingeladen werden möchten. Lehrende, Körpertherapeuten und Laien sind gleichermaßen angesprochen. Sie dürfen nur keine esoterischen Versprechen wie Teilerleuchtungen oder Zauberkräfte durch ein paar Übungen erwarten, wie das in vielen Atembüchern propagiert wird. Allerdings kann sich eine gelungene Änderung schlechter Gewohnheiten überraschend großartig anfühlen! Ich wünsche es Ihnen jedenfalls.

Herzlich,

JKK

PS: Ein Exemplar des Buches wurde mir freundlicherweise vom riva-Verlag zur Verfügung gestellt. Die Abbildungen sind vom Verlag genehmigt.

4 Gedanken zu “besser atmen

  1. Ist ja witzig dass man geradeaus durch die Nase einatmet! Gleich probiert habe ich festgestellt dass ich raufatme und sich mein ganzer Oberkörper mit hinauf bewegt. Stelle ich mir vor ich atme geradeaus ein dann schiebe ich die Halswirbelsäule minimal nach hinten und das entspannt und gibt das Gefühl dass der Kopf jetzt richtig auf der Wirbelsäule sitzt. Da der Kopf 4-5 kg schwer ist haben die meisten Menschen Probleme mit der Halswirbelsäule, verstärkt durch das vornübergebeugt Sitzen,Arbeiten usw. Das bewusst geradeaus einatmen ist sicher ein guter Trainingsansatz Nacken und Halswirbelsäule zu lockern.
    Danke
    LG
    Muss ich auch lesen, danke für den Tipp
    Love

    1. Liebe Gaby, was für eine spannende Beobachtung du da gemacht hast. Waagerecht einatmen und der Vorwärtszug am Kopf löst sich und der Kopf sitzt besser!! Gratuliere dir zu dieser Entdeckung. Ich glaube nämlich dass alles, was uns in den Rücken bringt gut ist, auch für die Psyche. Von wegen etwas Distanz zu unseren Gewohnheiten etc. Ich muss das an Richard Brennan schreiben, der ist sicher begeistert von so einer Entdeckung. Danke! und Love, Judith

  2. Liebe Judith,
    Welch ein schöner Artikel am frühen Morgen! Während ich meinen Tee schlürfe und aus dem Fenster schaue, habe ich tatsächlich das Gefühl, ich müsste mich mal gründlich durchlüften. Dass meine Nackenverspannung damit zu tun haben könnte, war mir nicht so bewusst. Ich weiß aber, seitdem ich Yoga mache, dass mir das gleichmäßige und bewusste Atmen dabei hilft, mich zu entspannen. Vielleicht, weil ich mich dann auch im Schulter-Nackenbereich entspanne. Da habe ich doch wieder etwas gelernt. Vielen Dank dafür! Beste Grüße, Astrid

    1. Liebe Astrid, danke für deinen Kommentar! Ich finde es auch gerade wunderbar, das Fenster zu öffnen und die Frühlingsluft zu spüren. Das mit den Verspannungen/Fehlhaltungen und dem Atem ist ein spannendes Thema. Es erinnert mich an den asiatischen Spruch, dass man, um ins Schwarze zu treffen, knapp daneben zielen soll. Die Alexandertechnik ist ja eine Fundgrupbe für „indirect procedures“ – aufhören das Falsche zu tun und alles bringt sich selbst ins Lot. Offenbar könnten wir viel weniger verkrampft „an uns arbeiten“ 🙂
      In diesem Sinne noch ein entspanntes-Frühling-genießen, herzlich, Judith

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.