buddhistische entschlossenheit

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„Geht’s dir gut oder lernst du gerade etwas?“ pflegten wir früher auf Seminaren freundlich und ein wenig salopp nachzufragen, wenn wir bemerkten, dass Einexs von uns gerade mächtig an einem persönlichem Thema herumkaute.
„Lesson learned!“ wurde später glücklich zurück gemeldet, wenn das Rätsel gelöst, das Problem überwunden war.
Bei kleinen Krisen reicht dieses freundliche Anstupsen meistens aus, um den nächsten Schritt zu finden und schließlich über den Berg zu kommen. Bei großen Krisen müssen wir tiefer in die Kräfte unseres Menschseins fassen, viel tiefer. Dorthin wo jene Kraft wohnt, die man Buddhistische Entschlossenheit nennt.

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Die indische Geschichte berichtet von Prinz Siddharta, dem späteren Gautama Buddha. Ihm ging es wie vielen von uns auf der Suche nach innerem Frieden, nach der Erlösung von Angst, Leid und Schmerz. Er hatte als junger Mann alle bekannten Philosophien studiert, viele Jahre lang Yoga praktiziert und schwierige geistige und asketische Übungsreihen absolviert. Nichts davon hatte ihm den gewünschten Erfolg gebracht – nämlich jene innere Ruhe und Klarheit, die er sich als Erleuchtung erhoffte. Nichts hatte ihm erklären können, wie das Leid auf der Welt zu bezwingen wäre. Erschöpft und verzweifelt war bereit, es ein letztes Mal zu versuchen. Die Legende sagt, dass er sich unter einen Baum setzte und schwor, nicht mehr aufzustehen, bevor er erleuchtet wäre – auch wenn er bei diesem letzten Versuch sterben sollte. Er saß dort vierzig Tage und lernte so, mit Angst und Furcht umzugehen: „Während ich da saß, stiegen Angst und Furcht in mir auf und erfassten mich. Ich stand nicht auf, ging nicht umher und legte mich auch nicht nieder, ich saß still bis die Angst und Furcht vergingen“.

In der Meditation erfahren wir nach und nach ein großes Geheimnis: unsere Furcht, unsere Schmerzen, unsere Verzweiflung können uns ergreifen, wir können sie voll aufgedreht „haben“ während wir auf unsren Atem achten und still sitzen. Und sie lösen sich nach wenigen Minuten auf, wenn wir still sitzen bleiben, weiter atmen. Siddharta sah während dieser 40 Tage klar und in vielen Bildern das Leid der Welt: dass sich die Menschen mit ihrem Ego, ihren Wünschen, ihren Leiden identifizieren anstatt dies alles innerlich loszulassen und ruhig, gelassen und freundlich zu sein. So wurde er schließlich erleuchtet – zum Buddha.

Nun müssen Sie, liebe Leserxs, kein Yogi oder Buddhist werden um mit dieser Lebenskraft, die schließlich Erlösung bringt, in Verbindung zu kommen. Denn diese Kraft ist eine jedem Menschen innewohnende lebensbejahende und lebensbeschützende Macht. Es gibt sie überall auf der Welt und sie hat auch überall einen Namen. Wir sind immer und überall nur wie durch hauchdünnes Seidenpapier davon getrennt.
Viktor Frankl nannte es die „Trotzmacht des Geistes“. Er entdeckte sie, als er unter schrecklichsten Leiden im KZ beschloss sich nicht selbst von den unmenschlichen Bedingungen verrohen zu lassen, sondern daran geistig zu wachsen. Unter den Schlägen und höhnischen Rufen seiner Peiniger starrte er auf eine blutigen, eisverkrusteten Füße und stellte sich vor, wie er später in einem hell erleuchteten Saal anderen Menschen darüber berichten würde, wie menschliche Güte keine Frage der äußeren Umstände gewesen war.

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Ich selbst bin mit dieser Kraft in Verbindung gekommen, als meine Angsterkrankung einen Höhepunkt erreicht hatte. Irgendwann wusste ich keinen Ausweg mehr als es zu machen wie Buddha. Wild entschlossen setzte ich mich täglich einmal hin und ließ Angst, Furcht, Panik, Herzrasen, Taubheitsgefühle, Schwindel, Tränen und Verzweiflung in mir aufsteigen und atmete weiter. Ich wusste, ich würde sitzenbleiben und atmen was immer auch geschah – auch wenn ich dabei sterben würde. Sie wissen wie es ausging, liebe Leserxs: Es hat geholfen, jedes einzelne Mal. Ich ging nicht unter sondern ich begann, wieder aufzutauchen. „Mit mir nicht!“ war damals mein Mantra – ganz ähnlich dem Satz, mit dem Viktor Frankl viele Patienten ermutigte: „Sie müssen sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen!“

Um an solche Tiefpunkte und zu solchen Kräften zu kommen braucht es wohl eine Krise. Es muss etwas zu lernen geben, es muss eine Transformation des bisherigen Leidens anstehen. Und dann braucht es Ihre höchstpersönliche unverbrüchliche Entschlossenheit sich auf Ihre Werte auszurichten und danach zu handeln, auch wenn Sie fürchten dabei zu sterben.*)

Ob Sie, liebe Leserxs nun gerade in einer Krise sind oder nicht: ich ermutige Sie in jedem Fall mit meditieren zu beginnen. Mit Entschlossenheit. Sich jeden Tag hinzusetzen mit dem Commitment ein paar Minuten still zu sitzen wie Buddha. Sich auf Ihre Werte zu besinnen und danach zu handeln wie Viktor Frankl.
Aufrecht, atmend.

So möge Kraft und menschliche Güte mit Ihnen sein,

herzlich, JKK

 

*) In meinem nächsten Blog werde ich ein nmE ziemlich gutes Buch zu diesem Thema besprechen: Mark Freeman: Das Mind-Workout. In 20 Schritten zu mentaler Stärke. mvg Verlag, erscheint am 18. November 2017.

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