chronische schmerzen

Akutschmerz hat körperlich wie seelisch eine klare Funktion. Er soll uns schützen, soll verhindern, dass wir einen Teil von uns weiter (über)belasten, zeigt uns an dass irgendwo ein Maß voll oder eine Grenze überschritten ist, dass Rückzug, Abstand oder Trauer angemessen sind. Aktutschmerz begleitet die Verletzung und zeigt mit seinem schwächerwerden den Verlauf des Heilungsprozesses an. Wenn Körper und Seele wieder heil geworden sind, ist auch der Schmerz Vergangenheit.
Chronische Schmerzen haben eine völlig andere Qualität. Ich setze mich aus verschiedenen Gründen seit vielen Jahren intensiv damit auseinander und habe nun aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse ein Verständnis darüber gewonnen, welches ich hier mit Ihnen liebe Leserxs im Sinne einer Ermutigung teilen möchte. Konkret weil sich in mir einige Rätsel über die Dynamik von chronischen Schmerzen gelöst haben und ganz besonders, weil ich ich den letzten Monaten auf tatsächlich wirksame Interventionen zu Linderung oder gar Auflösung jahrelang anhaltender Rücken- , Glieder-, Gelenk-, Magen- und sonstiger Schmerzen gestossen bin. Ich habe eine sehr lange Reise hinter mir und nun gibt es neue Erkenntnisse.

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Ermutigung 1: Es kann sich lohnen, die Erkenntnisse der modernen Schmerztherapie näher anzusehen.
Mein erster Anstoß kam aus einem beiläufigen Facebook-Posting einer Kollegin. Sie empfahl ein Buch*), das ich mir impulshaft besorgte. Die darin angebotenen Ideen und Übungen erwiesen sich Schritt für Schritt als dermaßen schmerzwirksam, dass ich heute noch staune. Ich hatte tatsächlich gedacht, ich wüsste alles über mentales Training, verhaltenstherapeutische und systemische Ideen zur Zähmung innerer Ungeheuer, liebevolles sich-selbst-annehmen etcpp. Nun ja, etwas zu wissen ist nicht dasselbe wie etwas erfolgreich anwenden können.
Der zweite Impuls traf mich ein paar Wochen später beim Internet-Stöbern an einem regnerischen Sonntag nachmittag. Ich fand eine APP**), mit der für den Preis einer einzigen Physiotherapiestunde die Mitgliedschaft in einem in den USA entwickelten topmodernen Schmerzlinderungsprogramm angeboten wird. Dort gibt es jede Menge Info über aktuelle Erkenntnisse in der Schmerzforschung, Vorträge namhafter Schmerzexperten zum reinhören und vier Angebote zum täglichen persönlichen Anti-Schmerz-Training: Mentales Training, Expressives Schreiben, Neues aus der Wissenschaft und Meditation. Viele Übungen zu jedem dieser Bereiche, eine kleine Avatar-Figur führt einem durch das Programm. Die begleitende Facebook-Gruppe erlebe ich als äußerst informativ und hilfreich.
In den letzten 20 Jahren hatte ich eine Erfahrung gemacht, die sich immer wieder zu bestätigen schien: Meine Schmerzen sind unlösbar. Lösten sich etwa durch eine gute Physiotherapie, einige Feldenkraisstunden, ein neues Sporttraining, durch eine Psychotherapie oder sonstwas die Rückenschmerzen, erschienen als nächstes Gelenkschmerzen im Knie oder in der Hüfte. Oder Herzrasen und Atemnot. Oder wieder die Rückenschmerzen, nun aber nicht mehr scharf stechend, sondern flächig brennend. Es war wie ein Kreislauf, der sich durch nichts durchbrechen ließ. Natürlich ließen sich Stressoren in meinem Leben benennen: Beruf, Familie, Älterwerden. Anfangs besuchte ich hoffnungsvoll alle möglichen Ärzte. Ich wurde Diagnosen-Weltmeister. Ich wanderte ich von einer Physio-, Yoga-, Körpertherapie und Ernährungsschule zur nächsten. Mein Fazit heute: Mit chronischen Schmerzen kennt sich bei uns so gut wie niemand aus. Die medizinischen und therapeutischen Berufe folgen alle den von ihren Schulen vorgefertigten Programmen, welche immer nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens betrachten und darin agieren. Als gäbe es das eine Medikament, die eine wirksame Massagetechnik, die eine sportliche Übung, die eine Ernährungsform … Die wirksamen multimodalen Schmerzprogramme haben bei uns noch nicht Fuß gefasst. Der Schmerzpatient rennt verzweifelt und hilflos im Kreis, kostet seiner Familie alle Nerven, sich selbst und dem Gesundheitswesen jede Menge Geld und erfährt auch bei bester Complience nur wenig Linderung. Das kann sich jetzt ändern.

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Hier habe ich für ein erstes Nachdenken ein paar Forschungsergebnisse der modernen Schmerztherapie zusammengefasst:
– Körperlicher Schmerz und seelischer Schmerz entstehen in und benützen die gleichen Hirnareale. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen Seele/Geist und Körper. Wenn Ihnen ein Knie oder die Hüfte weh tut, sind schmerzmäßig die gleichen Hirngegenden aktiviert als wenn Sie einsam sind oder sich über eine berufliche Intrige kränken.
– Nicht jeder Schmerz ist gefährlich. Nicht jeder Schmerz wird immer schlimmer. Die meisten Schmerzen sind temporär, regelbar und reversibel.
– Jeder Angstgedanke, jede schmerzhafte Emotion wie Zorn, Kränkung, Einsamkeit, Schuldgefühle etc. dreht die Schmerzregler im Gehirn auf LAUT. Sie können buchstäblich Knieschmerzen aus Einsamkeit oder Rückenschmerzen aus Zorn haben, Ihr wunderbarer Körper kann das. Daher ist die Art des Schmerzes und der Ort, and dem die Schmerzen erscheinen für die moderne Schmerztherapie nicht mehr so entscheidend wie bisher angenommen. Sehen Sie hier eine gute Erklärung über die Entstehung chronischer Schmerzen: https://youtu.be/xidL-WMJWwg 
Wenn Sie mögen, lade ich Sie zu einer ersten Übung ein: Machen Sie sich eine Liste mit mindestens fünf Schmerzblockern, die sich bei Ihnen bereits als wirksam erwiesen haben. Ihr Körper und Ihr Geist haben mit Sicherheit erfolgreiche Strategien entwickelt, mit denen Sie auftretende Schmerzen blockieren oder zumindest etwas runterfahren können. Der Zufall soll Programm werden. Meine Liste liest sich etwa so:
– 10 Minuten Rückenlage, entspannen und sanfte Bewegung
– Yoga unterrichten, da bin ich mit der Aufmerksamkeit so bei der Sache, dass ich die Schmerzen nur schwach spüre
– 20 Minuten flottes Gehen mit tiefem Atmen in der frischen Luft
– warm/heiss duschen, Bürstenmassage
– abends 1Glas Bier
– schwimmen in warmem Wasser
– etwas spannendes Lesen, etwas interessantes googeln
– kochen, ein neues Rezept finden und achtsam genüsslich nachkochen –  fast so gut wie meine
– no-other-way-Notlösung: eine persönliche Medikamentenkombi
– im Liegen tiefe Atemzüge – ein durch die Nase, aus durch den Mund, dabei seufzen.
Zur Aufgabe gehört, in der kommenden Woche sehr bewusst alle Schmerzschranken (bis auf die mit Alkohol oder Medikamenten) anzuwenden, wann immer sie können. Sie richtig in den Tagesablauf einzuplanen. Das Ziel: Ihr Gehirn kann und soll neu lernen, auf Ihre Anweisungen zu reagieren.

Ermutigung 2: Nehmen Sie ihre Schmerztherapie aktiv in beide Hände. Entwickeln Sie Ihr persönliches multimodales Anti-Schmerzprogramm.
Ich habe viel zu lange darauf vertraut, dass mir dieser oder jener neue Arzt, neue Physiotherapeut, neues Medikament, neue Ernährungsform, neues Bewegungsprogramm … nun endlich Erleichterung bringen wird. Ich habe wie eine Verrückte nach der „richtigen“ Diagnose gesucht, damit ich die „richtige“ Hilfe bekommen kann. Mein Fazit: Auf diese Weise gibt es Hilfe wenn überhaupt nur mit sehr vergänglicher Wirkung. Nicht umsonst werden mehr und mehr so genannte multimodale Schmerztherapien entwickelt, welche aus einer persönlich abgestimmten Mischung aus Bewegungsprogrammen, mentalem Training, Psychotherapie, Ernährungswissen, physiotherapeutischen Behandlungen und Medikamenten uam. bestehen. Bei chronischen Schmerzen hilft nicht ein Mittel, sondern die Kombination. So ist auch meine persönliche Erfahrung. Recherchieren Sie über diese Programme so viel Sie können. Vielleicht finden Sie ja schon eines in Ihrer Nähe.
Ich ermutige Sie heute, sich ein eigenes zu entwickeln. Natürlich müssen Sie den Arzt Ihres Vertrauens zu allen neuen Behandlungsansätzen fragen. Einige Impulse kann man sich auch selbst verordnen, dazu braucht es nur die persönliche Erfahrung. Aber Sie brauchen einen Plan, nicht nur mal hier probieren und dann mal da. Schreiben Sie sich eine Liste mit täglichen Terminen und halten Sie sich daran. Finden Sie heraus, was Ihnen hilft und bleiben Sie dabei solange es hilft. Steigen Sie auf etwas anderes um wenn ein Element nicht mehr hilft. Hier ist eine beispielhafte Liste zu Ihrer Anregung:
– Entspannungstraining. Zur Auswahl stehen etwa progressive Muskelentspannung, unzählige Meditationsformen, körpertherapeutische Entspannungsübungen …
– Bewegungstraining: Rücken- und Muskelstärkende Übungen, Dehnungsübungen, Faszienübungen mit Bällen und Rollen
– Ernährung: googeln Sie soviel Sie können über entzündungshemmende Ernährungskonzepte wie zb. hier. Glauben Sie nicht alles, aber machen Sie sich ein Bild. Lassen Sie sich ein auf das, was Ihnen vernünftig erscheint.
– Persönliche Extras: Tut Ihnen das Baden in Thermalwasser gut? Oder Sauna? Lustige Filme? Eine besondere Massage? Den Ausblick von einer besonderen Berghütte? Wobei genau hüpft Ihre Herz vor Freude? Reservieren Sie dafür fixe Termine.
– Finden Sie einen Physiotherapeutenxs, der Ihnen wirklich hilft. Jemanden, der nicht nach drei Stunden mit Ihnen in professioneller Resignation versinkt. Das ist eine sehr persönliche Sache.
– Lernen Sie im Rahmen einer Psychotherapie oder eines mentalen Trainingsprogrammes wie zb. der Curable App**) den seelischen Anteil Ihres Schmerzgeschehens kennen und steuern. Das geht und hat unglaubliche positive Wirkungen.
All dies zusammen wird wirken. Nur nicht aufgeben.

Ich lade Sie ein zu einer kleinen mentalen Übung für den Fall akuter Schmerzen:

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Finden Sie in Ihrem Körper die schmerzende Stelle. Empfinden Sie genau den Ort, erspüren Sie die Qualität von heiß, stechend, flächig, pulsierend etc … was auch immer. Finden Sie dann mit der gleichen Intensität eine Stelle in Ihrem Körper, die sich gut anfühlt. Vielleicht warm, hell, entspannt, wohlig,… und drehen Sie diese Empfindungen groß und intensiv auf. Nehmen Sie Ihren Atem dazu wahr. Beginnen Sie dann zwischen diesen beiden Körperstellen hin und her zu pendeln – einmal das Wohlgefühl mit Atem intensiv erleben, dann die schmerzende Stelle aufsuchen und erleben, dann wieder zurück zur Wohlgefühlstelle … Pendeln Sie atmend und fokussiert mindestens 5 Minuten hin und her. Wenn Sie Glück haben, liebe Leserxs, werden Sie zumindest vorübergehend eine spürbare Schmerzlinderung erfahren können. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.
Eine ähnliche geführte Meditation zu dieser Übung können Sie hier anhören.

Ermutigung 3: Alles kann sich ändern
Einer der wichtigsten Impulse auf dem Weg zur Schmerzfreiheit ist die Erkenntnis, dass nichts immer gleich bleibt – dass sich alles fortwährend ändert. Ich meine damit nicht gleich, dass sich chronische Schmerzen ändern, sobald man sich sich dies vergegenwärtigt, aber auf Sicht wird es einen großen Unterschied machen, das kann ich Ihnen versprechen. Nicht umsonst gibt es im Yoga einige Meditationen, die das stete Werden und Vergehen von Allem thematisieren. Alte Yogis gingen zum Meditieren sogar auf Friedhöfe um inmitten der Gräber zu erfahren, wie Leben und Tod sich unaufhaltsam abwechseln und das eine das andere bedingt.

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Ich lade Sie daher heute – in Anlehnung zu einer der Curable-Meditationen – zu einer „Veränderungsmeditation“ ein: Finden Sie einen ruhigen Platz, an dem Sie einige Minuten ungestört sein können. Atmen Sie ruhig durch die Nase ein und lang, hörbar oder gerne seufzend durch den Mund aus. Etwa 3 Minuten lang. Wandern Sie dann mit Ihrer Aufmerksamkeit durch Ihren Körper und spüren Sie einfach und ohne zu beurteilen, wie sich die einzelnen Regionen anfühlen. Lassen Sie dann Bilder aufsteigen, die Ihnen natürliche Veränderung zeigen: Wolken, Wetter, Blumen, Bäume, Wiesen, Wellen, Jahreszeiten, vielleicht auch Entwicklungsgeschichten aus Ihrer eigenen Zeit als Jugendliche, als Elternteil, als Berufsanfängerin, als Sportler, Musiker … Nichts blieb jemals wie es war. Bringen sie die positiven inneren Bilder in Kontakt mit Ihren derzeitigen Schmerzen ohne irgendetwas zu erwarten. Einfach tun. Immer wieder. Und atmen. Nach etwa 10-15 Minuten atmen Sie dreimal tief ein und aus, strekken sich noch einmal durch und gehen Sie weiter Ihren täglichen Aktivitäten nach.

herzlich, JKK

Das Beitragsbild ist von: ©Alexas_Fotos-say-yes-to-the-live-pixabay.com-2121044_1920

*) Buch: Maggie Phillips: „Chronische Schmerzen behutsam überwinden. Anleitung zur Selbsthilfe.“ Carl Auer Verlag 2017. Leicht lesbar, gut verständlich. Etwas Erfahrung mit mentalen Übungen ist vorteilhaft.

**) APP: Curable. Leider nur auf Englisch, Sie brauchen mittelgute Englischkenntnisse um profitieren zu können. Kosten etwa 12€ für 1 Monat, etwa 64€ für eine Jahresmitgliedschaft. Es gibt einen kostenlosen Schnupperteil zum Kennenlernen. https://www.curablehealth.com

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