die eigene berufung finden

Ich muss meine eigene innere Berufung finden, dann ist alles gut. Wenn ich mich nur sorgfältig genug durch die Schichten von Kultur und Erziehung fräse die mein wahres Wesen überlagern, entdecke ich tief innen meine persönliche Berufung, meine echte Lebensaufgabe. Dann habe ich es geschafft. Ich muss in Kontakt mit meiner tiefen inneren Sehnsucht kommen, dann wird sich mein Leben leicht und wunderschön entfalten.

Das liebe Leserxs, ist eine der populärsten Zeitgeistfantasien der schon etwas alternden 2010er Jahre. Es setzt ganz viel Glauben voraus, bietet aus meiner Sicht keinerlei dauerhafte Evidenz und erlaubt wenig Alternativen zu einem berufungsfreien glücklichen Leben. Es ist nichts anderes als eine weitere Art autoritäre Religion.
Wie ich dazu komme, so direkt gegen den Selbstfindungs-, Selbstliebe- und Selbstverwirklichungsmainstream zu argumentieren? Nun ja, lesen Sie weiter wenn Sie mögen.
Die Legenden und die Mythen um einen Weg zum glücklichen Leben sind vielfältig, kulturabhängig und wechseln wie die Mode alle Jahrzehnte. In meiner Jugend waren die Siebziger. Die Zeit war durchdrungen von Summerhill, Laisse-faire-Erziehungsideen und ich hatte einen pädagogischen Beruf der sich viele Jahre wie die vollkommene Berufung anfühlte. Hätte man mich damals aus dem Job geschmissen – ich glaube ich wäre ich einfach wieder gekommen und hätte gratis weiter gearbeitet. Sowas von Siebziger… In den späten 80iger Jahren schwappte die ur-amerikanische Entwicklung des NLP über den Teich und ich war von Anfang an dabei. Sieben Jahre inhalierte ich alles, was es da an Ausbildung, Wissen, Methode, Therapie und Ritualen gab. Damals war jeder kleine Lernschritt in Sachen Persönlichkeit mit großem schamanistischen Gedöns umgeben und fühlte sich großartig an. Castaneda ließ grüßen, seine Zeit hat ihn reich gemacht. Sowas von Neunziger, oder? Später kamen die (Familien-)systemischen Ideen an die Macht. Wir versuchten uns im Erkennen von Mustern, von bigger pictures, an der Entwicklung von Durchblick und Steuerung von komplexen Systemen. Endlich mehr Möglichkeiten alles, aber auch wirklich alles zu verbessern! Nicht nur ich, die ganze psychosoziale Branche bildete sich fort in der Idee, dass die einzelne Person nur ein bedauernswerter Symptomträger sei und niemals wirklich das Problem. Das Problem wären rigide und irgendwie dysfunktionale Systeme und vor allem aber die Person, die es als solches bezeichnete. Können Sie sich erinnern, liebe Kollegenxs: Ein schuleschwänzender Jugendlicher – und wer hat jetzt systemisch gesehen das Problem? Es hat lange gedauert und ist immer noch eher selten, dass Familienrichter wieder das Leid eines einzelnen Kindes in der Familie anerkannten und begannen dieses zu lindern, auch wenn es dazu seine Herkunftsfamilie verlassen musste. In zehn Jahren werden wir sagen: Sowas von 2000er!

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Vorsicht liebe Leserxs. Ich will hier weder eine laufende Entwicklung der Welt anprangern noch eine moralisierende Haltung ausdrücken. Ich will sagen: Was wir glauben, unterliegt einem ziemlich straffen Zeitgeist und der ist subtiler und kleinkarierter als es den Anschein hat.
Warum scheint das Finden der eigenen Berufung derzeit so stark gekoppelt an Selbstliebe, Lebensglück? Warum scheint es dafür solche Unmengen an Kursen, Retreats und Ausbildungen zu geben? Warum ist jeder einzelne Kurs, den Sie irgendwo machen, sei es Kochen, Atmen, Schreiben, Mode, Langsamlaufen oder wasauchimmer so sehr durchdrungen vom Imperativ „Liebe dich gefälligst zuerst schrittweise bis zur Vollkommenheit selbst, sonst wirst du hier gar nichts erreichen!!!“ Muss ich mich wirklich dauernd glücklich fühlen wenn ich lernen will, zwei Stoffteile zusammen zu nähen? Warum soll es sich wie eine tiefe Erfüllung anfühlen in einem Kasten Ordnung zu schaffen, eine Yogaübung anzuleiten oder Spaghetti al dente zu kochen? Verkauft sich das Versprechen von Glücksgefühlen um so viel besser als die einfachen Fähigkeiten? Können die Kursleiter ihr Fach gar nicht mehr richtig? Fehlen ihnen die Fähigkeiten Teilnehmer durch schwierige Lernphasen zu begleiten? Braucht es die Selbstliebe-Entschuldigung (= die Schuld- und Versagenszuschreibung an den Kursteilnehmer), weil das schnelle Glücksversprechen nicht eingelöst werden kann? Überhaupt – warum sollte es mir beim Erlernen neuer Fähigkeiten immer nur gut gehen müssen? Warum sollte ich dabei nicht schwitzen, fluchen, mich ärgern, anstrengen oder mich lächerlich fühlen dürfen? Wir Menschen haben die Möglichkeit zu unendlich vielen herrlichen Gefühlen, warum sollte ich mich auf die glücklichen beschränken wollen?

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Fragen über Fragen liebe Leserxs. Ich habe ein paar Antworten zusammengetragen, die Ihnen helfen könnten, die ganze Sache mit Ihrer Berufung und Ihrem Lebensglück entspannter anzugehen.
Erstens: Wenn Sie mit Ihren ureigensten Bedürfnissen und Sehnsüchten in Kontakt kommen, fühlt sich das erstmal großartig an. Eine große glückliche Welle, endlich bei mir angekommen, endlich erlöst, endlich zu Hause. Bitte werden Sie dann nicht sofort Lebensglück-Beraterin mit Onlinekursen, denn diese Welle wird vergehen. Sie will immer wieder gefunden werden und sie braucht Zeit und gut geschützten Raum um eine Ihnen entsprechende Form zu entwickeln, die dann in die Welt hinausgetragen werden kann. Wenn Sie beginnen aus Ungeduld und Frust sich Selbstliebe anzuschaffen, ist es wie ein Platzregen auf einer ausgedörrten Landschaft – es geht nix rein und richtet mehr Schaden an als es Gutes tut.
Zweitens: Ihre Berufung liegt nicht fix und fertig ausgereift tief in Ihrem Inneren. Sie können sie nicht heute entdecken und morgen utilisieren. Sie ist wie ein brüchiger roter Faden der reissen wird, wenn Sie zu schnell zu tief graben oder dran anziehen. Sie brauchen Ermutigung von Freunden und Lehrerxs, positive Strategien, Mut Fehler zu machen und Zeit um jede einzelne Minute zu genießen. Genießen was ist, das wird Sie weiter bringen.
Drittens: Das Entwicklen einer Berufung, einer professionellen Leidenschaft ist nicht leicht und geht nicht schnell. Wir können nicht sofort meisterlich können was wir uns vorgenommen haben. Wir dürfen beim Lernen fluchen, schwitzen und uns lächerlich machen. Ja, vielleicht müssen wir das sogar. Und es wird sich ändern! Sie werden sich ändern! Ihre Berufung wird sich ändern! Sie haben mit Sicherheit nicht die eine und sonst keine, sondern werden vermutlich alle paar Jahre eine neue Berufung in sich entdecken. Haben Sie keine Angst, sich zu verfehlen, das geht gar nicht. Das Leben wird Sie auch ohne Ihr Zutun zu Ihren Möglichkeiten hinführen, es ist hundertmal klüger als Ihr Ego. Um noch ein letztes Bild zu aktivieren: Stellen Sie sich vor, Ihre Berufung ist wie ein Samenkorn, das Sie hegen und pflegen, es wächst und wird ein großer schöner Baum. Im Lauf der Zeit wird auch er altern und brüchig werden, Stürme werden ihn beschädigen, irgendwann wird er sterben und Sie machen sich hoffentlich auf die Suche nach einem neuen Samenkorn …

So wünsche ich es Ihnen jedenfalls,

JKK

Das Beitragsbild ist von ©CchrisS-cinema-pixabay.com

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