ermutigung für umgang mit chronisch kranken

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Es kommt vor. Immer wieder einmal. Jemand in unserem Umfeld ist oder wird chronisch krank. Das können lang andauernde Schmerzen sein, Krebs, ein Burnout mit tiefer Depression. Etwas schicksalhaftes womit der Betreffende nicht gerechnet hat und das nicht gleich wieder vergeht. Am Anfang steht meist eine intensive Ursachensuche – alles körperliche, seelische und geistige wird durchleuchtet. Da Krankheiten generell auf einem Ursachengeflecht entstehen, gibt es viele gute Erklärungen. Viele Möglichkeiten werden gefunden um Einfluss auf den Verlauf zu nehmen. Das ist gut so und im Idealfall führt dies auch zu einer Verbesserung und zurück zu Gesundheit. Wenn aber nicht, dann müssen die Betroffenen lernen, mit Einschränkungen zu leben. Und dann wird es hart und zäh. Hart und zäh für einen selbst, hart und zäh für das eigene Leben, hart und zäh für die Familie und die Freunde. Hier sind ein paar Impulse für Sie, liebe Leserxs, wenn Sie jemanden in Ihrem Umfeld haben, für den es hart und zäh geworden ist.

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Bleiben Sie mit Ihrem Gesprächspartner im Hier und jetzt. Zeigen Sie Verständnis und Mitgefühl und fragen Sie, ob Sie hier und jetzt etwas für ihn tun können. Spielen Sie bitte NICHT den heimlichen „Positiv-Therapeuten“, indem Sie fragen, ob die Schmerzen schon mal leichter waren, oder manchmal weniger bewusst sind oder wie lange Ihr Partner sie noch haben möchte etc.
Menschen mit chronischen Schmerzen oder lang andauernden Krankheiten entwickeln eine besondere Art von innerer Aufmerksamkeit über ihre Beschwerden. Über ein inneres monitoring sind sie sich der Schmerzen oder der Beeinträchtigung sozusagen dauernd bewusst.
Reden über diese momentanen Befindlichkeiten erleichtert hier in der Regel nicht! Ausnahme: es handelt sich um akute frische Schmerzen, hier kann das Mitteilen sehr wohl erleichternd wirken und bei der Verarbeitung des Traumas helfen. „Darüber reden“ – vermutete Ursachen, Dauer, Behandlungen, Aussichten, Verläufe etc. – stellt für einen chronisch Kranken vielfach eine Zusatzbelastung dar, da er meist nur einen schon oft und oft erzählten Lagebericht „rapportieren“ kann und hier und jetzt auch keine Besserung zu erwarten ist.
Viele chronisch Kranke Menschen wollen gar nicht mehr über ihre Beschwerden reden. Auch wenn Sie noch so klug nachfragen – es ändert ja doch nichts! Hingegen hören sie gerne Neuigkeiten und Geschichten aus jenen Welten, die ihnen oft nicht mehr direkt zugänglich sind. Ein ehrlicher, auch anspruchsvoller Gedankenaustausch (Philosophieren, Weltgeschichte, Reiseberichte etc.) wird für viele Kranke ein begehrtes Erlebnis, vor allem dann, wenn die körperliche Mobilität länger eingeschränkt ist.

Akzeptieren Sie, dass Ihr Gegenüber krank ist oder Schmerzen hat, auch wenn Ihnen das als wertvolles Mitglied unserer Fit&Fun-Gesellschaft sehr unangenehm ist. Vermeiden Sie bitte alle Aussagen, welche die Schuldgefühle der Kranken unnötig verstärken. „Das hast Du Dir unbewusst durch falsche Gedanken selbst herbeigewüscht, du liebst dich selbst zuwenig, du lebst im falschen Leben“ klingt zwar gut im NewAge-Trend, ist aber nur eine versteckte Moralkeule und letztlich lieblos und dumm.
Werden Sie sich bewusst, dass chronisch Krank
e einen Affront gegen unsere Spaß- und Leistungsgesellschaft darstellen, in der alles öffentlich gezeigte Leid spektakulär sein muss, nur kurz dauern darf und durch richtige medizinische Behandlung, Einsicht, Wunderheilung, Disziplin, Ernährung usf. ebenso spektakulär geheilt werden muss. Fragen Sie sich ehrlich, ob Sie es ertragen können, mit jemandem in Kontakt zu sein, der nicht in diese Schemata passt. Wenn nicht, ziehen Sie sich aus der Beziehung zurück. Das dürfen Sie.
Die meisten Erklärungen für Krankheit sind gut für Gesunde, die sich ihre Angst, selbst krank zu werden, auf diese Weise rationalisierend vom Hals halten können.
Kranke Menschen empfinden solche Erklärungen möglicherweise als unpassend und verletzend. Wenn Sie unbedingt mit jemanden über die Ursachen seiner Beschwerden reden möchten, fragen Sie doch Ihr Gegenüber, wie sie sie sich selbst erklärt und bleiben Sie neugierig und zurückhaltend mit Ihren eigenen Erklärungen. Lernen Sie zuzuhören und unterstützen Sie Ihr Gegenüber in seinen Bemühungen um Heilung, wie auch immer diese geartet sind.
Es macht gar keinen Sinn, einem krebskranken Menschen, der sich für eine Chemotherapie entschieden hat, laienhaft abzureden! Auch macht es keinen Sinn, jemanden, der sich für Schamanische Heilungsreisen entschieden hat, davon abzureden!

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FRAGEN Sie bitte Ihren Gesprächspartnerxs, ob er Bedarf an den Adressen Ihrer Lieblinsärztin oder Lieblinswunderheiler hat. Oder ob sie Bedarf an guten Ratschlägen über Bewegung, Ernährung oder geistigen Beistand hat. Vermeiden Sie, in guter Absicht jemanden mit ungebetenen Ratschlägen zu „schlagen“.
Chronisch Kranke und Schmerzgeplagte werden oft mit Adressen von ÄrztInnen, SpezialistInnen, MasseurInnen, EnergieheilerInnen, Physio- und PsychotherapeutInnen, Spirituellen Größen und Ernährungsgöttern überhäuft. Jeder kennt halt wen… Schließlich ist das oft das einzige, was man als Außenstehender angesichts von Leid „tun“ kann – glauben wir jedenfalls. Einfach zuhören, verstehen und „nichts tun“ wäre meist das viel bessere Tun.
Nach einer Untersuchung über Heilfaktoren bei unheilbar Krebskranken (Universitätsklinik Heidelberg, Dr. Hiroshi Oda, 2000) bleibt die Anzahl der Spontanremissionen gleich, egal ob jemand gegen die Krankheit kämpft, sein Leben in Gottes Hände legt oder die Verbundenheit mit seinem spirituellen Selbst herstellt.
Kranke Menschen fragen sich selbst ohnehin pausenlos, welche innere Haltung gemäß und positiv genug ist, um derzeit mit dem Schmerz, der Behinderung etc. überleben zu können. Sie haben in der Regel viele erfolglose Besuche bei vielen Behandlern hinter sich, inkl. Wartezeiten und hohen Kosten. Es ist fast nicht möglich, dass auf Ihren Ratschlag euphorisch reagiert wird. Wenn doch, vermutlich hauptsächlich Ihnen und der guten Beziehung zuliebe! Es ist daher nicht hilfreich, wenn Sie Ihr Gegenüberxs moralisierend darauf hinweisen, dass er die „falsche“ innere Einstellung o.ä. hat. In Summe verstärkt das nur die Einsamkeit des Kranken, da die so erzeugten Schuldgefühle dazu führen, sich noch mehr unwillkommen zu fühlen. Prüfen Sie bitte bei sich, ob Sie wenn Ihr Gegenüber Ihren Ratschlag aktiv oder passiv ablehnt, dies benützen, um denken zu können: „Ja, dann, selber schuld…“ etc. Bedenken Sie bitte, dass Ihrem Gegenüber darüber hinaus mit Ihrem Ratschlag vermutlich gar nicht so spektakulär geholfen werden kann wie Sie ihr das wünschen würden.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserxs, dass Sie Freunde bleiben mit Ihren Freunden, auch in den Krisenzeiten,

herzlich,

JKK

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4 Gedanken zu “ermutigung für umgang mit chronisch kranken

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    Vielen Dank für Deinen Beitrag, mir ist dadurch einiges bewußter geworden.
    Ich habe selbst eine chronische Erkrankung. Und muß speziell auf der Arbeit mit Kolleginnen immer wieder unangenehme Erfahrungen machen. Man will ja nicht unbedingt unhöflich reagieren, wenn sich Kolleginnen für meine Krankheit bzw. derzeitiges Befinden interessieren und nachfragen. Schließlich müssen sie auch öfters meine Dienste übernehmen, wenn ich im Krankenstand bin. Um mich dafür rechtzufertigen bzw. um sie vielleicht milder zu stimmen, erzähle ich ihnen dann öfters etwas über meine Beschwerden und Befindlichkeiten.
    Nachher fühle ich mich emotional sehr deprimiert, weil mir meine miesliche Erkrankung und die Auswegslosigkeit wieder ganz stark bewußt wird. Ich fühle mich danach immer sehr gedemütigt, erniedrigt und niedergeschlagen, weil ich eigentlich unfreiwillig, aber halt höflichkeitshalber den Kollginnen darüber berichtet habe.
    In Zukunft werde ich das nicht mehr so machen. Sondern direkt Nein sagen und dass ich in der Arbeit über meine Krankheit nicht sprechen möchte!

    Lg, Margarethe

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      Liebe Margarethe,
      Danke für Deine Zeilen! Es ermutigt mich immer, wenn ich mit meinen Überlegungen und Empfindungen nicht alleine bleibe. Ja, ha, ich kenne das: man will nicht unhöflich sein wenn wer nachfragt. Ich habe mich oft selbst nicht mehr hören können vor lauter „immer dasselbe leiden…“, man kommt sich vor wie ein Jammerlappen obwohl einem viele Menschen echtes Mitgefühl entgegenbringen.
      Alles Gute wünsch ich Dir!
      Judith

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