ermutigung zur selbstverantwortung

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Wenn ich derzeit rund um mich das durch einen inhaltlich völlig überflüssigen Wahlkampf angeheizte alltägliche Gejammer und Geschimpfe über unsere Welt höre, wird mir übel, ehrlich. Jeder zeigt auf jeden. Jeder schimpft auf jeden. Und immer sind irgendwelche anderen am eigenen Unglück schuld. Die Mindestsicherung ist zu hoch, zu nieder oder insgesamt falsch; ebenso der Mindestlohn, die Pensionen, die Verteilung allgemein. Die Wohnungen sind zu teuer, zu billig oder überhaupt mies, das Gesundheitssystem produziert mehr Kranke als Heilungen, die Lebensmittelindustrie vergiftet schleichend die Bevölkerung. Lehrer reiben sich zwischen verhaltensauffälligen und nicht-deutsch-sprechenden Kindern und deren Gewohnheiten und Eltern auf anstatt unterrichten zu können. Über 50 droht sowieso Arbeitslosigkeit. Mehr Menschen als je leiden unter Depressionen und Burnout. Alle scheinen sich  wahnsinnig anzustrengen und es scheint immer weniger dabei herauszukommen. Aber welcher Motor treibt diese unheilvolle Dynamik an?

Ich möchte mit den folgenden Zeilen einen Beitrag zu Ihrer Ermutigung anbieten, liebe Leserxs. Denn es ist ein himmelhoher Unterschied zwischen dem, was gesagt wird und dem, was tatsächlich gelebt wird. Am besten erzähle ich Ihnen eine kleine schräge Bert-Hellinger-Geschichte dazu:

Mitten am Marktplatz kletterte morgens ein kleiner Affe auf die Dorfpalme. Dort saß er und wiegte eine große Kokosnuss in seiner Hand. Als ein Nashorn vorbei kam und fragte, was er da oben mache, schrie er:
„Ah, wenn der große Löwe aber kommt, dann hau‘ ich ihm die Kokosnuss auf den Kopf dass es nur so knallt! Der kann was erleben!“
„Hmm, aber was will er wirklich?“ dachte sich das Nashorn und ging weiter. Mittags kamen ein Elefant, nachmittags ein Kamel vorbei. Der kleine Affe wiegte wieder seine Kokosnuss und schrie ihnen zu:
„Ah, wenn der große Löwe aber kommt, dann hau‘ ich ihm die Kokosnuss auf den Kopf dass es nur so knallt! Der kann was erleben!“
„Aber was will er wirklich?“ dachten auch diese Tiere bei sich.
Als es schließlich Abend wurde, kam der große Löwe. Er setzte sich unter die Palme und schaute den kleinen Affen an.
„UUARR!“ brummte er hinauf. „Was sitzt du da oben? Was willst du?“
Der kleine Affe machte spitze Lippen.
„OOch“ sagte er, „Ich sitze da und brülle ein bisschen rum. Das wird man wohl noch dürfen!“
Als der Löwe fort war, kletterte der kleine Affe vom Baum und knallte die Kokosnuss auf den Boden, dass sie zersprang. Dann trank er ihre Milch und aß ihr Fleisch.

Ich möchte Sie dazu ermutigen, genau hinzuschauen auf unsere Gesellschaft, liebe Leserxs. Und Ihren Blick dafür zu schärfen, was sich zum Guten entwickelt hat.
Denn ich bin mir sicher, dass es heute vielen Menschen viel besser geht als zu meiner Kindheit vor 40, 50 Jahren. Ich weiß, dass damals bei weitem nicht so viele Menschen so schöne Wohnungen hatten, so vielfältiges Essen, so viele und große Autos, so viel auf Urlaub fuhren, so viele Ausbildungen machen konnten, beim Arzt so genau untersucht wurden etc.etc. wie heute. Diese Liste ließe sich lang fortsetzen.

Woher kommt die Unzufriedenheit? Die Angst?
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich bei Ihnen unbeliebt mache, liebe Leserxs, will ich eine Antwort versuchen. Eine Antwort, die meiner Meinung nach eine echte Perspektive bietet.

©Pexels-ball-pixabay.com

Wir haben über die langen Jahre der staatlichen Fürsorge die Eigenverantwortung verlernt.
Statt selbst die Verantwortung für unser Handeln oder Nicht-Handeln zu übernehmen, verheddern wir uns geistig und emotional in einem wirren Denken darüber, worauf wir Anspruch haben/hätten/sollten. Irgendwer müsste … Hauptsache wir sind die armen Opfer.

* Für unsere Zähne ist der Zahnarzt zuständig, richtig? Wer braucht da schon tägliches Putzen oder Zahnseide, wenn quasi kostenlos und folgenlos die verfaulten Stumpen zum Kassenarzt getragen werden können! Und wehe es gäbe einen Selbstbehalt.
* Für Bildung und Ausbildung ist die Schule zuständig, richtig? Schwierig ist es halt, dort auch täglich hinzugehen. Und wenn man schon mal dort ist, auch etwas mitzuarbeiten, oder? Sind sicher die Lehrer schuld, wenn man dann nach 9 Jahren noch immer nicht lesen kann…
* Die Lebensmittelindustrie wird schon dafür sorgen, dass wir nichts Falsches essen, oder? Wird ja eh so viel kontrolliert. Es sind wirklich die Konzerne schuld, wenn die Kinder nicht frühstücken und in der Pause sich Zuckerzeug kaufen und bald schon Diabetes kriegen, oder? Was soll man auch machen, wenn sie nicht rechtzeitig aufstehen wollen? Und selber kochen … na dann lieber Junkfood und Bier bis zum Herzinfarkt. Weil dann muss der Staat eh eine OP und eine Reha zahlen.

Ich weiß, ich klinge zornig. Ich bin es auch. Es macht mich wütend und traurig, dass der wundervollste Antrieb unseres Lebens, die Selbstverantwortung, offenbar kaum mehr etwas zählt. Können Sie sich erinnern an die Zeit in Ihrer Kindheit als „Selber!“ und „Ich! Selber machen! Allein!“ das größte und dringendste Bedürfnis war? Wie herrlich es war, etwas alleine geschafft zu haben? Selbstwirksamkeitserfahrung heißt das in Psychologie und Psychotherapie. Die Erfahrung und den tief verwurzelten Glauben, dass ich als Mensch mir etwas vornehmen kann, etwas bewirken kann, etwas in meinem Leben verändern kann. Dass es um mich geht und um das was ich denke, tue oder unterlasse.
Damit bin ich bei jenem großen Mann angelangt, dem ich – nach meinem Vater – die bedeutendsten Impulse für mein glückliches, gelingendes Leben verdanke: Viktor Frankl. Er ist und bleibt der Meister der gelungenen Selbstverantwortung. Von ihm stammt die Überzeugung, dass es eine Freiheit des Willens gibt:
„Der Mensch ist nicht frei von seinen schicksalhaften Bedingungen,
aber frei zu diesen Bedingungen Stellung zu nehmen.“

Schicksalhafte Bedingungen werden anerkannt. Meine genetischen Dispositionen gibt es. Die Gesellschaftform in der wir leben, gibt es. Unwetter, Katastrophen, Unfälle, Unglück – das gibt es. Unsere Freiheit liegt trotz Wahlwerbung nicht darin, diese Dinge wählen oder verhindern zu können. Unsere Freiheit liegt darin, wie ich als Individuum zu diesen Bedingungen Stellung nehme. Ob ich mich als Opfer hingebe und es mir schlecht ergehen lasse, Wut und Hass auf die vermeintlichen Täter entwickle und den Rest meines Lebens in Agonie verbringe. Ob ich – und diese Wahl habe ich immer – Kontakt zu meinem inneren Wesen aufnehme und mich an die Möglichkeit des „Selber!“ erinnere.
Wir können uns immer selbst zuerst fragen:“Was kann ich selbst tun, um aus der Misere heraus zu kommen?“

„Selbst ist der Mann! Also bei dir die Frau.“ pflegte mein Vater zu sagen, wenn ich zu Hause über ein Unrecht klagte.
„Manchmal stürmt das Leben heran wie ein wild gewordener Stier. Sich hinlegen und zertrampeln lassen ist keine Option. Du musst aufstehen und ihn mit beiden Händen an den Hörnern packen!“

Viktor Frankl hat viel gehalten von der Idee, dass wir nicht „weil“ oder „darum“ leben, sondern „trotzdem“. Wir leben nicht, weil überall Frieden ist und Glück und Gesundheit oder wir Geld haben oder Freunde … sondern wir leben trotzdem. Trotz Krankheit, kleiner Pension, Pflichten. Trotz Ängsten, schwerer Arbeit oder keiner Arbeit.
Trotzdem können wir ja zum Leben sagen. Immer.

Dazu möchte ich Sie heute ermutigen, liebe Leserxs,

herzlich,

JKK

Das Beitragsbild ist von ©geralt-pixabay-com

 

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