fünf bücher übers altwerden

Jenseits von Gesundheits- und Anti-Aging Ratgebern blättere ich gerne in Büchern die versuchen die psychologischen und spirituellen Dimensionen des Altwerdens – ich meine tatsächlich alt- und nicht älterwerden –  zu erfassen und auszuleuchten. Obwohl sich die Inhalte im Sinne einer bedachten Lebensführung ziemlich ähneln, gibt es in der Perspektive aus der die Themen betrachtet werden, einige Unterschiede. Das größte Gemeinsame gleich vorweg: Kein einziges dieser Bücher kommt ohne Verweis auf die Notwendigkeit von Humor im Alter aus. Das scheint so fundamental wichtig zu sein, dass es überall schon im Titel vorkommt:

Jürgen Brater: Pfeif drauf – morgen hast du’s eh vergessen!
Pater Johannes Pausch, Gert Böhm: Ich bin dann mal alt!
Uwe Böschemeyer: Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern.
Michael Powell: Je älter man wird, desto merkwürdiger werden die anderen.
Und mein Extratipp etwas off topic aber schön: Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen.

Beim Lesen dieser Bücher habe ich mich erheitert, grinsend, verärgert, beruhigt, gelangweilt, angeregt, kichernd, nachdenklich und hin und wieder sogar bezaubert gefunden. Weil sie sich doch wesentlich unterscheiden, stelle ich Sie Ihnen hier kurz vor.

  1. Augenzwinkern mit erhobenem Zeigefinger
    Jürgen Brater: Pfeif drauf – morgen hast du’s eh vergessen. Vom Vergnügen entspannt alt zu werden. riva 2018.

    ©riva verlag

    Alt sind Sie, wenn Sie sich beim schuhezubinden fragen, was Sie gleich sonst noch hier erledigen könnten, wo Sie schon mal unten sind, meint der Autor mit heiterer Selbstironie. Im Plauderton nimmt er die typischen Marotten älterer Menschen aufs Korn: das umständliche Zahlen an der Supermarktkasse, das altersweise Besserwissen, das Herumlabern ohne Punkt und Komma, den Starrsinn, Anti-Aging und Jugendwahn … Er lässt kein Klischee aus – oder wenn Sie so wollen, keine Erfahrung die jeder von uns mit alten Menschen machen kann. Gleich stark auf die Waage bringt Brater seine Tipps für ein gelungenes Alter, welche neben Ernährung, Bewegung und positiver Grundeinstellung auch das altersgerechte Wohnen, das Entrümpeln und das Pflegen sozialer Kontakte umfassen. Im ganzen Text illustriert er seine Ideen reichlich mit Anekdoten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis; damit macht er tiefe Themen erstaunlich leicht.
    Mein Tipp: Ein leicht und gut lesbares Buch, das zum Nachdenken anregt. Zur Selbstreflexion ab 60 durchaus geeignet, ebenso als Geschenk für Menschen, die ihren Marotten noch! mit Heiterkeit begegnen können.

  2. Geborgenheit finden in der Welt
    Pater Johannes Pausch, Gert Böhm: Ich bin dann mal alt! Dem Leben auf der Spur bleiben – ein spirituelle Altersvorsorge. Kösel, 2012
    Das ist ein ruhiger Text. Auf Basis der benediktinischen Lebensregeln und vielen uns wohlvertrauten Alltagsweisheiten philosophieren die Autoren über die Rhythmen des Lebens – Atmen, Herz, Ruhe und Bewegung, Essen und Trinken, Pausen, Kranksein und Gesundwerden, das rechte Maß. Über die Freude an der Arbeit bis zuletzt, Beziehungen und soziales Engagement, Versöhnung, Sucht und Sehnsucht, Frieden und der inneren Beziehung zu einem gegenwärtigen lebendigen Gott.
    Mein Tipp: Es hat mich beruhigt in diesem Buch zu lesen, egal wo ich es gerade aufgeschlagen habe. Einfache, klare Worte ohne Pathos. Immer klingt die Einladung durch, sich selbst zum eigenen Tun und Wollen in Beziehung zu setzen und darüber hinaus ein großes Ganzes im Blick zu haben. Ein sehr schönes Geschenk für Menschen über 60 – ohne Altersbegrenzung.
  3. Alt ist wie jung – nur besser
    Uwe Böschemeyer: Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern. ecowin 2017
    Der ehemalige Schüler Viktor Frankls hat nach 40 Jahren psychotherapeutischer Arbeit zum gelungenen Altwerden, zum Sinnfinden und zum Abschied nehmen einiges zu sagen. In dem für ihn typischen liebevoll-gemächlichen Stil hält er dem Leser einen Spiegel vor: ständige   Schmerzen, ausfallende Zähne, geistiger Rückzug, ohne Beruf kein Sinn, bloß nicht alleine sein, ohne Sex keine Freude, nichts geschenkt nehmen oder nach mir die Sintflut? Böschemeyer stellt dem Leser wohlwollende und heitere Alternativen zu den realen Beschwerden des Altwerdens vor und ermutigt zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben bis zum Schluss.
    Mein Tipp: Dieser Text ermutigt mit vielem Frieden zu schließen womit man bisher gehadert hat. Behutsam führt er weg von Angst und Hilflosigkeit hin zu neuen Perspektiven. Wer so wie ich die Gnade hatte Böschemeyer persönlich zu begegnen, weiß, dass er seine Weisheit und Ruhe aus der persönlichen schicksalhaften Erfahrung schöpft. Das macht ihn unverwechselbar. Ich würde dieses Buch für alle Menschen ab 40 empfehlen, auch hochbetagten Interessierten.
  4. Bissig, britisch, unverblümt
    Michael Powell: Je älter man wird, desto merkwürdiger werden die anderen. Der ultimative Ratgeber mit abscheulichen Modetipps, waghalsigen Fitnessplänen und absurden Finanzideen. riva 2018.

    ©riva verlag

    „Achtung“ steht bei diesem Buch gleich vorne auf dem Umschlag „nur für Menschen ab 50 Jahren zugelassen“. Ich würde diesen Rat umdrehen: lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie noch nicht von Altersbeschwerden eingeholt wurden. Lesen Sie es nicht, wenn Sie tatsächlich ein Leiden haben oder das Leben sie bereits mit voller Breitseite erwischt hat. Der britische Humor ist nicht freundlich. Allerdings trifft er punktgenau unsere Schwächen, unseren Hang zur Rechthaberei, unsere kleinen persönlichen Neurosen. Der Autor stellt alte Menschen und ihre Eigenheiten aus einer durchaus rotzig zu bezeichnenden Perspektive vor: Um etwa der Alterseinsamkeit zu entgehen, sollte man nur mehr im Schrittempo Auto fahren, ganz langsam gehen und unvermittelt stehen bleiben, einen jungen Menschen anrempeln und ihn zurechtweisen, bei Rot über die Kreuzung schlurfen, nur samstags einkaufen gehen und im Supermarkt einen Gang blockieren, sich Waren zeigen lassen und doch nicht kaufen, …
    Mein Tipp: Ein lustiges Büchlein für Menschen, die selbst nicht vom Altern betroffen sind. Sie brauchen nur kleine Aufmerksamkeitsspannen für die kurzen Kapitel und werden ihre nervigen Nachbarn, ihre besserwisserischen Eltern oder die alten Tanten darin wieder finden und darüber herzlich lachen können. Ein gutes Geschenk für Leute zwischen 30 und 50.

  5. Das Leben und den Tod gemeinsam denken
    Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. btb 2008

    ©geralt-sun-pixabay.com

    In meinen berufsbezogenen Freundeskreisen bin ich bei weitem nicht der einzige Irvin D. Yalom-Fan. Der amerikanische Psychotherapeut ist ein alter Meister seiner Zunft und ein schlauer Fuchs. Seine Auseinandersetzung mit dem Tod liest sich fast wie ein Roman. Anektdotisch erzählt er von persönlichen Erlebnissen und besonderen Sitzungen mit Klienten und setzt diese so elegant und umfassend in philosophische Bezüge, dass ich beim Lesen eine richtige Freude daran hatte. Ohne direkt das Alter zu fokussieren findet sich in diesem Buch dennoch das Wesentliche darüber und es geht runter wie geschmiert …
    Mein Tipp: Wunderbare Langzeitlektüre für alle philosophisch Interessierten. Ich lese seit Jahren immer wieder mal hier, mal dort ein paar Seiten und finde immer etwas Nährendes, Stärkendes.

Wenn Sie, liebe Leserxs, Lieblingsbücher über das Alter haben, schreiben Sie mir gern!

Herzlich, JKK

Die Buchcover erscheinen mit freundlicher Genehmigung des riva-Verlages.
Das Beitragsbild ist von ©MabelAmber-people-pixabay.com

3 Gedanken zu “fünf bücher übers altwerden

  1. Danke für die Buchtipps!
    Ich möchte mich mit meinen bisherigen Lieblingen revanchieren:
    Silvia Bovenschen „Älter werden“ (philosophisch, persönlich, auch humorig, vor allem sehr echt) und mehrere Bücher von Noelle Chatelet, z.B. „Die Dame in blau“ – ein Roman, der das Älterwerden auch in seinen Vorzügen thematisiert.
    Es ist ja nicht alles schlecht, gell? 😉

  2. Danke, liebe Judith, für diesen hilfreichen Überblick.
    Obwohl ich mich so gefragt habe, ob man sich wirklich beim Alt-Sein anleiten lassen kann. Aber bestimmt erkenne ich einige meiner Schrullen im Spiegel der anderen. Liebe Grüße, Bri

    1. Hallo Bri, tja anleiten – Da hast du wohl recht. Ich habe manche diese Bücher lustig gefunden und manche ganz allgemein bereichernd. Manchmal tat es mir einfach gut ein wenig Orientierung zu haben in all dem was ich ganz persönlich mit dem älter werden erlebe, nach dem Motto: „Spinne ich jetzt oder ist das eh noch normal? „ Hg judith

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