gesund oder nicht gesund

Es ist frühmorgens, ich sitze an einem Frühstückstisch mit Silberbesteck und Stoffservietten und mache mir mit einem liebevoll verzierten Cappuchino einen Milchschaum-Kakaobart. Ich bin auf Kur. Entspannen, Distanz schaffen zu den Mühseligkeiten des Alltags, neue Orientierung finden. Wie immer mag ich das am liebsten mit einer Kneipp-Kur. Da lerne ich einfach mit Allem wieder ein wenig maßhalten und habe genussvolle Wasserbehandlungen, sonst nichts. Ein schönes Wellness-Hotel habe ich mir ausgesucht, mit vielen Arten von Behandlungen, Menüs und Wegen, die zu mehr Gesundheit und Lebensfreude führen sollen.
Am Nebentisch treffen die ersten Damen von der Stoffwechselkur-Gruppe ein. Sie wünschen sich freundlich einen guten Morgen und legen los.
„Puh, ich habe so etwas von gar nicht geschlafen heute Nacht. Mein CRP Wert geht mir nicht aus dem Kopf, das macht mich noch verrückt!  Zu hoch, warum bloß? Ich esse seit Monaten nur basisch, da müssten doch die Entzündungswerte tief sein, oder?“
„Bei mir ist es das Vitamin D – ich nehme schon 20.000 Einheiten am Tag und der Wert ist grottenschlecht. Die Ärztin weiß auch nicht weiter mit mir.“
„Mir hilft auch das basische Essen nicht. Darmkrämpfe, Leaky Gutt. Mein Leben ist so schwierig geworden mit dieser Krankheit – kein Zucker, keine Getreide, keine Milchprodukte, kein Histamin, Alkohol sowieso nicht… anfangs hat es ja auch etwas geholfen, aber mittlerweile … obwohl meine TCM-Beraterin sagt schon, dass ich mit einem halben Jahr strenger Diät rechnen muss.“
Die Damen nicken sich mitfühlend zu und trinken in kleinen Schlucken von ihren Reinigungstees. Mir wird schon beim Zuhören übel. Ich weiß zu viel über unser Gehirn, wie zuverlässig es funktioniert und wie zackig das geht mit allerlei Körpersymptomen. Wie schnell sich unbewältigte Ängste und Stress über Schmerzen, Hautausschläge, Symptome jeder erdenklichen Art ein Ventil bauen, sich Gehör und eine Bühne verschaffen. Dass man im Grunde körperlich völlig gesund und unverletzt sein kann, aber Stresssymptome sich körperlich bedrohlich zeigen. Ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung wie das Verdauungssystem mit jeder einzelnen dieser hippen Weglass-Strategien schwächer und schwächer wird. Use it or lose it, das gilt nicht nur fürs Gehirn und Muskelsystem, das gilt auch auch für den Darm und seine vielen Baketerienstämme. Dieses Mikrobiom macht rund 80% des Immunsystems aus! Was ist das nur für eine sonderbare Gesundheitsmedizin, die sich auf solch minderwertige Strategien zur Angstbewältigung fixiert?

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Ich weiß, liebe Leserinnen, ich rede gegen den Mainstream. Es ist modern geworden heutzutage, irgendwelche Nahrungsmittelgruppen zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Leider lernt das unser Gehirn in kürzester Zeit, etwas „nicht zu vertragen“. Ein paar Tage ängstlich beobachten, ob die Magen/Darm/Kopf/… -schmerzen nicht vielleicht von xxx  kommen – und schon hat das Nervensystem gelernt, genau diese Schmerzen zu produzieren. Googeln Sie mal den Nocebo-Effekt. Voila!
Es ist modern geworden punktuell gemessene Blutwerte als Grundlage für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln herzunehmen. Leider lernt unser Gehirn sehr schnell, diese zu „brauchen“ und sei es nur als die tägliche Dosis Placebos. 43% der Wirkung eines Medikaments ist die positive Erwartungshaltung – voila!
Es ist nicht nur modern, sondern auch ein medizinischer Mainstream geworden, sich noch ein CT, noch ein MRI machen zu lassen und als nächstes eine OP. Dann ist das Knie gut, dafür fängt die Hüfte an. Leider, wirklich leider sind körperliche Schmerzen ein Lieblingssystem unseres Gehirns, um Stress auszudrücken.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser*innen. Jede Unverträglichkeit, jeder Mangel, jeder Schmerz ist echt und kann im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. Es geht mir hier um die Frage der angemessenen Therapie – führt sie zu Gesundheit oder stellt sie in sich einen neurotischen Krampf dar? Unser Gehirn unterscheidet da nämlich nicht, das will eine schnelle Lösung der Anspannung. Ich erinnere mich gut an einen Input über Neurosen und Zwangserkrankungen, in welchem dieser Unterschied metaphorisch so beschrieben wurde: Wenn jemand zb. unter Platzangst leidet (und ja, das ist eine echte Angst!) so ist eine Möglichkeit sich damit auseinanderzusetzen, die Ursachen zu erforschen und sich dem, was wirklich schwierig ist, bewusst zu stellen. Schritt für Schritt offene Plätze aufzusuchen und lernen an der Welt teilzunehmen wie sie ist. Die neurotische Bewältigungsstrategie hingegen würde dem Betroffenen einflüstern, dass er ohnehin Menschen nicht so gerne mag oder man die Plätze im Fernsehen viel besser betrachten kann, dass es besser ist zu Hause zu bleiben. Zu Hause dann flüstert der Zwang weiter, dass es noch besser wäre, in einem Zimmer zu bleiben und nicht mehr in den Garten zu gehen. Denn die Sonne macht Hautkrebs und die Insekten übertragen Krankheiten, oder? Im Zimmer wäre es noch besser, sich in den Kasten einzuschließen, das bietet noch mehr Sicherheit und spart Strom ….  Im übertragenen Sinn sitzen Sie am Ende dieser „Therapie“ in einem winzigen fensterlosen Raum, knabbern an einer rohen Biokarotte und können sich in keine Richtung mehr bewegen.

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Nun will ich wirklich niemandem von seinen Überzeugungen abbringen. Des Menschen Wille (=Glaubenssätze) ist sein Himmelreich. Was ich aber doch gerne möchte, ist Ihnen ein ehrliches Hinterfragen ans Herz legen. Ist Ihr Himmelreich wirklich das Himmelreich oder ist es eigentlich eine autoritäre kleine Hölle? Fühlen Sie sich mit Ihren Ernährungs- und Lebensstrategien innerlich wohl, großzügig, heiter, entspannt? Oder haben Sie bereits eine Art Alltags-Überwachheit, eine Hypervigilanz entwickelt und suchen mit Ihrem Inneren Radar permanent die Umgebung ab nach Dingen die Sie meiden müssen? Meiden könnten, weil es dann vielleicht noch viel besser wäre?  Googeln Sie „Orthorexie“ und geben Sie sich eine ehrliche Antwort. Jede unbewältigte Angst wird mit einer Sucht, einem Zwang kompensiert. Es ist egal, ob Sie sich angelernt haben, Yoghurt zu vermeiden oder täglich essen zu müssen, steile Stufen zu meiden oder niemals den Lift zu nehmen,  Rohkost, Vitamintabletten oder eine vor nichts haltmachende Fürsorge für ein Kind als notwendig empfinden, hinterfragen Sie dieses Verhalten. Wenn Sie dabei auf etwas treffen, das „nicht diskutierbar“ erscheint, dann gratuliere, dann sind Sie bei Ihrem wunden Punkt angelangt. Das Tabu verhüllt das wahre Thema. Immer. Der wunde Punkt kaschiert eine tiefe innere Not, der Sie sich stellen können oder auch nicht. Er wirkt wie eine Wegkreuzung und wird Sie in eine Lebensführung zwingen, die bei näherem Hinsehen aus lauter MUSS und KANN NICHT besteht und Sie Ihrem ärgsten Feind nicht wünschen- nun ja, wenn Sie mutig genug sind – hinterfragen Sie das.

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Je älter ich werde, desto klarer meine ich zu sehen wie sich so viele jüngere, wunderbare Menschen mit ihrem Denken und sonderbaren Regeln über Ernährung, Lebensführung, ja auch Bewegung und Sport, ein Lebensgebäude vergleichbar mit kleinen Zellen aus Stahlbeton bauen, in denen sie jeden Quadratzentimeter kontrollieren und beherrschen wollen. Schön ist es im Yoga und auf Seminaren, gut ist vegan, TCM, die Fitnessuhr und die Klimademo – und vor allem anderen verschließen wir unsere Kalender und Internetforen. So wird man nicht gesund. Ich spüre selbst, dass es schwer geworden ist die Welt in ihrer aktuellen Ambivalenz auszuhalten. Denn um die Welt in ihrer Fülle und Schönheit zu sehen und zu spüren, müssen die Sinne offen sein – und dann sehen und spüren wir unweigerlich auch ihren Schrecken, ihr Entsetzliches. Das muss man wissen und das muss man aushalten können. Das Schöne und das Schreckliche in einem weiten Blick und dabei atmen. Das ist nicht einfach. Draussen an der frischen Luft, drinnen im Supermarkt und im Bauernladen. Im Schwimmteich und im Dorfbad. Am Stammtisch und am Yogaretreat. In Venedig und in Ibiza. Statt den kleinen sicheren Stahlbetonkästchen den weiten, friedlichen und bedrohlichen, gefährlichen Fluss des Lebens wieder spüren und zumindest eine Zehe hineinstrekken. Atmen. So wird man gesund.

meint herzlich,

JKK

Das Beitragsbild ist von ©Schmidsi-mountains-pixabay.com_.jpg

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Möchten Sie mehr erfahren über die wundersamen Wirkungen (Reizdarm weg in 2 Tagen u.ä.) des langsamen genüsslichen essens, genannt das Schmauen? Lesen Sie hier.

Möchten Sie wissen, welche Art von Essen ich persönlich für die gesündeste halte? Lesen Sie hier. Oder hier.

 

2 Gedanken zu “gesund oder nicht gesund

    1. Hallo Traude „Rostrose“, danke für deine Rückmeldung. Ich mag das auch, das Hinterfragende … Angefangen habe ich damit vor vielen Jahren als ich Ken Wilbers „Mut und Gnade“ gelesen habe. Er beschreibt so poetisch und klar die unsinnigen Beliefs die wir über Krankheiten haben. Liebe Grüße! Judith

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