kraft meiner angst – ein update

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Vor sieben Jahren erwischte mich meine erste (heute sage ich: bewusste) Panikattacke. Vor mittlerweile vier Jahren ist das Buch „Kraft meiner Angst“ bei Ennsthaler erschienen. Darin beschreibe ich meinen individuellen Weg von den finsteren Schluchten nicht begreifbarer Angstzustände hin zu dem nicht immer angenehmen, aber lebbaren Umgang mit den Eskapaden eines hochsenisblen Nervensystems. Das Buch endet so wie ich damals meine Angststörung begriffen habe: hoffnungsvoll, dass die Krankheit bewältigt sei.
Dass ich durch das ehrliche  Erkennen und therapeutische Bearbeiten der Ursachen an ihre Wurzeln gekommen wäre und somit nicht mehr viel nachwachsen könne. Dass die Angstörung wie ein weitläufiger Gewittersturm nun endlich  vorübergezogen sei und sich wieder ruhiges Wetter einstelle. Schöne, aber nicht ganz richtige Metaphern, wie ich heute weiß. Goethe lässt grüßen: Man gleicht dem Geist, den man begreift.

Zeit für ein Update.

Ich habe mich mit dem Erscheinen meines Buches als geheilt verstanden. Das tue ich immer noch. Ich habe seit Jahren keine Panikattacken mehr.
Meine Angst vor geschlossenen Räumen hat sich gelegt. Ich kann wieder ganz normal ins Theater gehen und in der Mitte der Reihe sitzen. Ich kann Vorträge besuchen, in Lokalen hinten im Raum einen Tisch haben, eine Sauna genießen, ganz normal angeschnallt im Flugzeug in die Ferien fliegen.
Meine Höhenangst hat sich beruhigt. Ich kann wieder auf Leitern stiegen, die letzten Meter freihändig zu Gipfelkreuzen erklimmen, vom Balkon in die Tiefe schauen, all das.
Ich habe viel geschafft in den letzten Jahren, darauf bin ich stolz. Meine medikamentenfreie Selbsttherapie hat sich als guter Weg erwiesen. Wobei – ich weiß ja nicht, ob es mit Medikamenten leichter gewesen wäre. Manchmal denke ich, ich hätte sie einfach nehmen sollen, die Psychopax&co. Vielleicht hätte ich mir viel erspart.
Meine Angst vor Sucht und den Nebenwirkungen hat mich davon abgehalten. Diazepam (und nichts anderes gibt es, leider, wie auch immer die bunten Pillen heißen mögen) erzeugen schrecklicher weise nach kurzer Zeit nicht nur eine Sucht, sondern eben jene Symptome, die sie vorgeben zu bekämpfen.*)
Wie hätte ich dann wissen sollen, was ein originärer Angstzustand ist und was ein medikametös herbeigeführter? Da gäb´s ja logischer weise gar keine Heilung mehr. Und mich mit einer Medikamentensucht herumschlagen? Wo ich mich ohnenin so kraftlos fühlte? Ein noch zittrigeres Wrack werden, das ohne Pillen nicht mehr leben kann? Ich habe ein einziges Mal eine halbe Beruhigungstablette genommen und mich daraufhin 24 Stunden lang(!)  in einen beinahe sabbernden Zombie verwandelt. Mich gefühlt wie der Panther in Rilkes Gedicht: „Stäbe, und dahinter keine Welt.“ Dabei hätte ich laut Arzt/Beipackzettel drei am Tag nehmen können. Dieses Erlebnis war mir noch schrecklicher als die ganzen sonstigen Zustände. Ich saß ja bereits in der Falle und mit dem Psychopharmakum fühlte es sich an, als hätte ich mich noch zusätzlich in einen Käfig eingesperrt.
So ziemlich das Einzige, das ich von kleinauf immer an mir mochte, ist meine Fähigkeit, (na ja, halbwegs) klar und schlüssig zu denken. Einen klaren Geist zu haben, oder zumindest einen, der sich klar anfühlt. Das wäre bei einer Angstmedikation auf dem Spiel gestanden. Ein absolutes no-go für mich. Ich hab mich nicht getraut, der Schulmedizin nicht vertraut und daher den harten Weg genommen.

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Dabei hab ich viel gelernt über mich, daüber wie mein Nervensystem die Welt wahrnimmt, über Selbstdisziplin, über das Aushalten von inneren Zuständen, die von außen niemand sieht. Was es heißt, ein hypersensibles Nervensystem zu haben, das auf Reize jeder Art empfindlichst reagiert – egal ob es eine Terrornachricht, eine Atemübung im Yoga, ein Ärger an der Supermarktkasse, ein Espresso zuviel, ein ausgelassenes Kichern mit Freundinnen oder ein steiles Stück beim Bergwandern ist. Mein Nervensystem unterscheidet nicht bei den Auslösern für seine Überschnapper. Neuerdings lerne ich staunend dazu über die unendliche Vielfalt von Tricks, mit denen meine Psyche versucht, meiner Angst ein Gesicht zu geben. Über die zahllosen Masken der Angst.

Meine fast immer ausschließlich körperlichen Angstzustände wie Herzrasen, Atemnot, Taubheit in Armen und Beinen und galoppierende Schwärze im Gehirn hatten sich wie gesagt tatsächlich beruhigt. Das heißt, normalerweise ging es mir gut, normal eben. Allerdings kriegte ich etwa bei Wetterwechsel, starkem Fön, bei Terrornachrichten, bei realitätsnahen Krimis im Fernsehen manchmal und vorübergehende „Zustände“. Niemals so stark, dass ich nicht hätte arbeiten können, aber doch so weit beeinträchtigend, dass ich mit der Zeit jene Seiten in meinem Lebensbuch, auf denen stand was ich mir alles zumuten kann, umschreiben wollte. Früher stand da nämlich: Alles.
Heute steht da:
Keine schwedischen Krimis mehr.
Fernseher verlassen, wenn ein Tatort zu heftig wird.
Bei Terrornachrichten die Geschichte einmal ansehen und dann verweigern, dass sie mir in den folgenden Tagen noch 100 mal weiter erzählt wird. Ich denke, unsere Medien arbeiten unter dem Titel „Information“ kräftig daran mit, dass Leid und Schrecken auf möglichst viele Menschen ausgedehnt werden. Daran muss ich nicht teilhaben, nicht mehr.
Nur ein Kaffee pro Tag und Alkohol in homöpathischen Dosen.
Keine heftigen, langen Atemübungen wie im KundaliniYoga mehr.
Alles, wirklich alles dosieren lernen.
Radikal aufstehen und gehen, wenn ich spüre, da tut mir etwas nicht gut. Ob Wirtshaus, Kino, Party, Kirche, Seminar. Das ist nicht einfach und nicht immer sozial verträglich. Ich wette, es gibt jetzt mehr Menschen in meinem Umfeld als vor 10 Jahren, die mich ein wenig sonderbar finden.
Dazu stehen lernen …

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Ich habe etwas kennen gelernt, das ich heute als „die Masken der Angst“ benenne. Ich habe, wie gesagt, keine Panikattacken mehr. Dafür leide ich in unregelmäßigen Abständen an irgendwelchen Symptomen, hinter denen bei ärztlicher Abklärung nie eine krankhafte Ursache gefunden werden kann. Ich leide wirklich, das sind keine eingebildeten Schmerzen! Ich habe Atemnot, aber EKG, Lungenfunktion&co sind normal. Ich habe Magenschmerzen, aber keine Gastritis. Ich habe Darmgrimmen, aber nichts dahinter. Gallenbeschwerden, aber keine Entzündung. Rote Augen, aber keine nennenswerte Infektion. In den letzten zwei Jahren war ich vier mal beim Zahnarzt, weil ich dachte ein Zahn sei unter Eiter und müsste rausgerissen werden. Nichts. Ich habe Ischiasschmerzen, aber keinen wirklichen Befund dazu. Mal schmerzen die Finger, mal brennt´s mich im Mund, mal juckt die Haut, aber es gibt keine Allergie .. und so weiter und so weiter. Alle meine Arztbesuche enden in unglaublicher Peinlichkeit. Nur eines: Wann immer so ein Symptom untersucht, befundet und besprochen war, hat es sich wieder verabschiedet. Beinahe magisch. Und drei Wochen später taucht etwas Neues auf. „Das könnte tatsächlich die Angst sein, die in verschiedenen Maskierungen immer wieder an der Oberfläche auftaucht. Das gibt es.“ meint eine befreundete Therapeutin – und, nun ja, so absurd das klingt aber ich denke sie hat recht.

Über die Jahre haben sich manche Dinge, die ich auf meinem Heilungsweg beschrieben habe, bewährt. So sehr bewährt, dass ich sie nicht einen Tag mehr missen möchte. Allen voran gehört dazu meine tägliche sanfte Yogapraxis inklusive Meditation und Auseinanderstetzung mit  indischen Philosophien sowie die täglichen ruhigen Atemübungen. Die guten Wirkungen beziehen sich nicht nur auf Zeiten, in denen mein Herz rast, sondern haben mein ganzes Leben durchwirkt. Eine gewisse Gelassenheit, eine gewisse Distanz zu den Hypes und Aufregern der Welt tut mir gut. Sowieso.
Gespräche mit Freunden gehören dazu, unbedingt. Die relativieren alles. Sie ersetzen mir in den letzten Jahren auch Psychotherapiestunden. Oft genügt ein kleiner Impuls einer Freundin, und etwas ordnet sich tief innen, fällt an einen richtigen Platz. Ich beginne gerade mein sechzigstes Lebensjahr und meine Sehnsucht nach dem Aufarbeiten alter Geschichten hat der Neugierde auf das kommende Alter Platz gemacht. Ich brauche meine Kräfte jetzt für die Gegenwart.

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Mein Verständnis davon, was eine Angsterkrankung, eine Angststörung ist, hat sich verändert. Es ist eben keine Erkrankung, die kommt, bewältigt wird und spurlos wieder vergeht, das war leider ein hoffnungsvoller Irrtum meiner Anfangszeit.
Ich erlebe eine dauerhafte Sensibilisierung meines gesamten Nervensystems – vielleicht war es immer schon so empfindsam und hat sich nur entfaltet – auf die ich mich einstellen muss. Im Sinne von „so bin ich eben“.
Ich habe die Angst vor der Angst verloren. Wie´s mir geht, so geht´s mir eben. Ich weiss aus hundertfacher Erfahrung, dass alles früher oder später wieder aufhört. Kein Grund zur Beunruhigung.
Ich empfinde mich als gesund, aber mir ist stärker bewusst als früher, dass ich meinen speziellen Bedürfnissen (und den meines Nervensystems) Raum geben muss, wenn ich ein gutes Leben haben will.  Damit kann ich sehr gut leben.
Ich bin in Frieden damit, dass ich mehr als andere Menschen auf mich aufpassen muss. Etwas mehr Situationen und ihre Möglichkeiten antizipieren muss, mich etwas weniger spontan und „holladero“  in der Welt bewegen kann. Ich  werde noch lernen, den verschiedenen Masken meiner Angst mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Weniger auf sie reinzufallen. Und dabei meine Freude mit mir haben,

meint die nun in ihren inneren Zuständen upgedatete

JKK

*)zb. https://de.wikipedia.org/wiki/Diazepam

 

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6 Gedanken zu “kraft meiner angst – ein update

  1. 1+

    Liebe Judith,
    da kann ich in sehr vielen Dingen nachfühlen …
    Hat diese Hochsensibilität auch etwas Positives für Dich, was wir sonst vermissen würden?
    Herzlichst, Evelyn

    1+

    1. 0

      Liebe Evelyn,
      Es gibt ein griechisches Sprichwort, das meint, dass die Götter ihren Lieblingen alles GANZ geben: das Schöne und das Schreckliche. Ich danke dir für den Überbegriff der Hochsenisbilität, denn das bezeichnet es genau. Natürlich spüre ich mich auch im Positiven sehr intensiv. Wenn ich gerade keine Schmerzen habe, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt und könnte Bäume ausreißen. Ich nehme es an meinen guten Tagen als großes Geschenk, dass ich so g’spürig bin, nicht nur körperlich. Für mich ist der Körper ein unglaubliches bezauberndes, unendliches Wunderwerk, das mich zu großer Achtung vor der Schöpfung führt. Und zum täglichen Staunen über die Evolution. Und zum Lernen, Lernen, Lernen. Hätte ich das alles nicht, würde ich mich, glaube ich stumpf und nur funktional fühlen. So bin ich halt ein Wunder.;-)
      Herzlich! Judith

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  2. 0

    Liebe Judith!
    Danke für dein Mail und danke dass ich deine Zeilen lesen darf. Erst war ich ja bei deinem Kochrezept, dann habe ich dein Kleiderschrank entsorgen entdeckt und erst danach deinen Kommentar bezüglich Panikattacken. Du schreibst wunderbar. Kuchen backen und essen sind ja meine Leidenschaft. Den Kleiderschrank entruempeln und nicht nur den, ist für mich das einfachste auf der Welt. Alles was ich nicht brauche ist eine Belastung und wird mit Freude weiter gegeben.
    Das schwierigste ist die Angst. Keine Angst die ich benennen kann. Kein enger Raum, keine Flugangst, keine Rolltreppe, kein großer Platz usw. Nichts , doch manchmal ploetzlich Angst vorm Leben. Wenn ich meine Gedanken ordne geht es wieder vorbei. Doch wenn ich manchmal dieses Gefühl verspüre, bekomme ich Angst vor der Angst und fühle mich als Versager. Andere Menschen gehen ohne Angst durchs Leben und mich erwischt es doch immer wieder. Es ist sehr troestlich von dir zu hören, dass ein nicht so stabiles Nervensystem auch o.k. ist.
    Ich danke dir Judith und freue mich sehr wieder etwas von dir lesen zu dürfen.
    Ulrike

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    1. 0

      Liebe Ulrike,
      Danke für deine lieben Zeilen. Es berührt mich jedesmal sehr, wenn jemand seine Erfahrungen mit mir teilt.
      Ja, die Angst vor dem Leben, die kenne ich auch. Und Zeiten, wo mir alles, jede gesellschaftliche/politische Entwicklung, jede neue Nachricht etc. Angst macht. Oft gelingt es mir, einfach durchs Atmen ruhiger zu werden, oder durchs Kochen oder durch ein Mantra. Und ich habe halt mehr als andere Menschen die Gelegenheit, üben zu können 😉 mich nicht von meiner Angst zu Handlungen antreiben zu lassen, sondern von trotzdem meinen Zielen, meinen positiven Visionen.
      herzlich, Judith

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  3. 0

    Liebe Judith,

    deine Zeilen berühren mich – wie auch andere Texte von dir zuvor.

    In mir erhebt sich Freude, wenn ich lese, dass du auf dich angesichts dessen, was du in den letzten Jahren alles geschafft hast, stolz bist. Ich sehe mich im Spiegelbild, wenn du schreibst „Alles, wirklich alles dosieren lernen.“ und des weiteren von den Symptomen, die kommen und gehen – glücklicherweise ohne eine ärztliche Diagnosen nach sich zu ziehen. Deine Wahrhaftigkeit, mit der du tiefer blickst berührt mich ebenso und dein Herz, das so schön zu spüren ist.

    Weil ich den Artikel so schön finde, habe ich ihn meiner Freundin zum Lesen geschickt (wie auch dein Buch zuvor). Sie antwortete mir, dass wir uns ähnlich sind. Das ist für mich ein Kompliment:)!

    Sei mir herzlich gegrüßt.
    Susanne

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