leistbare pflege?

Einmal noch in diesem Jahr liebe Leserxs, möchte ich einem Ärger Ausdruck verleihen. Eine Fassungslosigkeit, eine bisher stumpfe Sprachlosigkeit, ein Entsetzen möchte einen Rahmen haben. Ein Beitrag, der auch meinen Ärger abschließen soll sozusagen. Also Vorsicht, dies wird kein angenehmer Text. 
Es geht um die notwendige Betreuung alter Menschen, um die Einschätzung von Pflegebedürftigkeit, um Demenz und um die angeblich verfügbaren Hilfen – für die alten Leute selbst und ihre pflegenden Angehörigen. Ich erzähle Ihnen absichtlich keine schreckliche Geschichte in der ein Bezieher einer Mindestpension weiterhin durch alle Roste fällt. Ich erzähle Ihnen beispielhaft von einer alten Dame aus dem Mittelstand mit einer mittleren Beamtenwitwen-Pension. Sie könnten das in einigen Jahren sein oder ich.  Wenn es dann überhaupt noch einen Staat gibt, der vorgibt mit Steuergeldern Notsituationen unterstützen zu wollen. Gleich vorweg: Jede Familie, jede Situation ist anders, ich weiß. In jeder persönlichen Geschichte gibt es eine Menge wenn-aber-hätte-wäre. Dennoch es gibt einen gemeinsame Tenor in dieser Zeit der sich auch durch Hochglanzprospekte und fröhlich „Leistbare Pflege für zu Hause!“ jubelnde Politikerxs nicht wegleugnen lässt.
Unsere alte Dame hat 89 Jahre ihres Lebens keine Förderungen oder Unterstützungsleistungen bezogen. Das war nicht notwendig, Gott sei Dank. Sie lebt zu Hause von der Familie begleitet und dort und da wird ein wenig geholfen. Dann der Klassiker: Sturz, Oberschenkelhalsbruch, 5 Wochen Krankenhaus mit einer stärker werdenden Demenz und Reha. Es wird rasch klar: Sie braucht nun morgens eine Hilfe beim Aufstehen, Waschen und Essen zubereiten.  „Also morgens kann sowieso niemand kommen, das muss Ihnen klar sein. Wir haben schließlich 900 Leute zu betreuen und Ihre Mutter kommt dran wenn es in die Tour passt. Wann das sein wird kann ich Ihnen vorher nicht sagen.“ meint die Dame vom Sozialhilfeverband pikiert. Also bleibt die Versorgung in der Familie. Eine Tochter steht von nun an um 5.00 Uhr früh auf und kocht vor und bringt, bevor sie zur Arbeit muss, das Essen zur Mutter, versorgt die vollkommen inkontinente Frau notgedrungen selber. Die Altenpflege kommt irgendwann und geht dann mangels anderer Notwendigkeiten für 43€ in der Stunde mit der alten Dame ein wenig spazieren. Für die Einstufung zum Pflegegeld erscheint eine Ärztin, die in etwa 20 Minuten Pflegestufe 1 feststellt. Die Familie muss erkennen, dass man mit mehr Pflegegeld nun nicht etwa mehr Leistungen zukaufen kann, sondern dass sich die Pflegeleistungen tariflich erhöhen, wenn jemand Pflegeld bezieht. Das System hilft nicht dem alten Menschen, sondern finanziert sich selbstreferentiell.

Derweilen schreitet die Demenz der alten Dame fort, die Pfegebedürftigkeit wird höher. Drei Kinder tun was sie können. Erschöpfung, Streit, Hilflosigkeit und Verzweiflung gewinnen mehr und mehr Raum im familiären Geschehen. Alle Ansuchen um einen Platz in einem Altenheim oder betreutem Wohnen werden abegeschmettert – die Seniorin hat zuwenig Pflegestufe und zuviel Pension. Um einen leistbaren Platz dort oder da zu bekommen, dürfen gewisse Grenzen (etwa 2500€ netto) nicht überschritten werden, für einen Heimplatz braucht es Pflegestufe 4. Also bleiben private Anbieter – und damit geht die Abzocke erst richtig los. Man findet einen Platz in einem frei finanzierten Betreuten Wohnen. Hier nimmt man statt der durchschnittlichen 14€ pro m2 satte 17€ kalt ohne Strom, ohne Heizung etc. und ein Betreuungspauschale von knappen 500€. Dafür gibt es aber wieder nicht die notwendige persönliche Pflege, sondern Einkaufsfahrdienste, Gedächtnistraining und Gymnastik. Rasch erweist sich die alte Dame dafür als zu dement, aber die Betreuungspauschale ist nicht verhandelbar. Für weitere 63€ pro Tag (!) könnte die alte Dame in eine Tagesbetreuung für Demente gehen. In unbeobachteten Momenten geht sie gern allein spazieren und wird Gott sei dank immer wieder, auch mit Hilfe der Polizei, unversehrt zurück gebracht. Eine Personenbetreuung muss zugekauft werden, die Töcher kommen weiterhin täglich. Alleine für das Mittagessen müssen weitere 300€ pro Monat hingelegt werden. Die Familie muss nun gegen die Pflegestufe klagen. Alles normal, alles legal. Die Arbeiterkammer, eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Gericht versorgen sich auf diese Weise selbst mit Aufträgen. Ein Gericht, das keinen der Betroffenen jemals persönlich gesehen hat, entscheidet nach einer Begutachtung eines weiteren Arztes auf Pflegstufe 2. Dieses Gutachten stellt sich nach kurzer Zeit als schreckliche Fehleinschätzung heraus – die alte Dame stürzt abends und liegt 12 Stunden in einer Lache aus Blut und Exkrementen, bis sie morgens gefunden wird. „Ich habe die ganze Nacht Hilfe, Hilfe geschrien, aber keiner hat mich gehört.“ wird sie später sagen. Mehrere Rippenbrüche, eine in die Lunge gebohrt. Auch ein Klassiker, wie die Betreuer versichern. „So sterben eigentlich die meisten bei uns.“  3 Wochen Krankenhaus, davon 11 Tage Intensivstation. Wie viel Leid hätte man der alten Dame und wieviel Geld (1 Tag Intensivstation kostet etwa 1500€ aus Steuergeldern) hätte man dem Staat ersparen können, wenn die Pflegestufe korrekt eingeschätzt worden wäre? So aber hatte die Familie dem Arzt vertraut und von einer 24-Stundenpflege Abstand genommen. Was für ein Fehler! Nach dem Spitalsaufenthalt hat die alte Dame nun eine 24-Stunden Pflege. Mit ihrer Pension bekommt sie keinen Landeszuschuss. Nach Abzug aller Kosten bleiben ihr weit weniger als die 20% Taschengeld, die Menschen im Pflegeheim pro Monat für Privates behalten dürfen. Die Fußpflege übernimmt eine Tochter, für den Friseur wird zusammengelegt …

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So geht es weiter und weiter, liebe Leserxs. Die Töchter und alle mit denen sie sprechen und die in einer ähnlichen Lage sind kriegen Wutanfälle, wenn sie Hochglanzprospekte über Altenpflege sehen oder Politiker in der Radiowerbung mit der leistbaren Pflege zu Hause (?!)  hören. Es ist alles eine Lüge, leider. Das soziale System kann als Umverteilungsmaschinerie für schlecht und mittel bezahlte Arbeitnehmer rund um die Pflege des alten Menschen gesehen werden. Irgendwo weit draussen im System baumeln die Alten dran und werfen ihr ganzes Geld ein aber eigentlich sind sie nicht von Interesse. Gnade ihnen Gott, wenn sie keine Familie mehr haben.

Diese Geschichte liebe Leserxs, schildert natürlich nur Momentaufnahmen eines Jahres. Sie ist nicht vollständig und sie ist nicht zu Ende. Sie wird sich wieder ändern, vielleicht auch zum Besseren. In jeder betroffenen Familie läuft es anders, jede Situation ist anders. Wenn man aber die Angehörigen der alten Dame fragt, sagen sie was alle pflegenden Angehörigen genau so erfahren: das war eines der anstrengendsten Jahre ihres Lebens. Nicht wegen der hochbetagten Mütter oder Väter, sondern wegen einer endlosen, sinn- und gehaltlosen Bürokratie eines entwürdigenden Systems.

Um nicht unfair zu sein, möchte ich Ihnen abschließend ein paar positive Aspekte nicht vorenthalten:
1. Die meisten Familien entzweien sich zwar vorübergehend über die vielen Entscheidungen die zu treffen sind, aber in Summe tut es meistens gut wenn Kinder wieder mehr miteinander reden müssen.
2. Die alte Dame wurde nach ihren Unfällen in allen Krankenhäusern und Rehas kompetent und liebevoll versorgt. Unfallmedizin in Österreich funktioniert. Auch die Streifendienste der Polizei kümmern sich rührend um verirrte alte Menschen.
3. Die Begleitung eines alten Menschen auf seinen letzten Kilometern ist, wenn die Beziehungen gut sind, ein Geschenk für die Seelen aller. Der Hilflosigkeit, der Überforderung, der Wut und Verzweiflung kann man in den meisten Fällen nicht entkommen, aber man kann sie als Lernchanche begreifen. Dont focus the pain, see the lesson.
4. Ausländische Pflegedienste leisten großartige Arbeit. Nicht ganz friktionsfrei, aber sie füllen mit Herz und Geduld jene Löcher, die der Sozialstaat (absichtlich?) offen lässt.

Ich kann Ihnen jetzt liebe Leserxs,  zwei unterschiedliche Ermutigungen anbieten.
Entweder: Bitte lassen Sie sich von dem düsteren Tenor in diesem Posting nicht anstecken. Aber sorgen Sie vor. Machen Sie einen Plan A und einen Plan B. Gehen Sie in ein Betreubares Wohnen, solange sie noch in der Lage sind sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen. Verzichten Sie auf ein Betreutes Wohnen, denn die dortigen Leistungen braucht in Wirklichkeit kein Mensch. Sparen Sie was geht für Ihre letzten Meter. Machen Sie sich keine Sorgen, aber auch keine Illusionen: Man wird Ihnen jeden müden Cent den Sie haben, abnehmen. Perfekt ausgeklügelte Verträge für Ihre individuelle Notsituation warten schon auf Ihre Unterschrift. Allerdings: Wenn nichts mehr da ist, wird es auch nicht schlechter.

Oder: Sorgen Sie nicht vor. Leben Sie jetzt, verwenden Sie Ihr Vermögen für Reisen, Ihre Enkerl, Kleidung, Luxusessen – für das beste Leben das Sie sich vorstellen können. Kümmern Sie sich keinen Deut ums altwerden, blenden Sie es einfach aus. Irgendeine Hilfe wird es immer geben und sie wird nur unwesentlich schlechter sein als die, die Sie mit viel Geld kaufen müssten. Wenn Sie Glück haben werden Sie so dement, dass es Ihnen überdies vollkommen egal ist. So what?

Eine gute Zeit und ein gutes Leben wünscht Ihnen
herzlich, JKK

2 Gedanken zu “leistbare pflege?

  1. Liebe Judith! Ganz ähnliche Erfahrungen haben wir – 4 Geschwister – betreffend der Betreuung unsere an Demenz erkrankten Mutti auch gemacht.
    Demenz wird in der Pflegeeinstufung viel zu wenig berücksichtigt.
    Danke für deinen Beitrag! LG Bettina

    1. Ja, Bettina so ist es. Wenn ein alter Mensch nach 2 Stunden mühsamster Körperpflege dann gewaschen und geschneutzt dasitzt und fröhlich in die Gegend schaut, meint der Gutachter, da fehlt ja gar nichts…

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