online-business overkill

Vor etwa 6 Jahren machte ich meinen ersten Onlinekurs. Er ging über Yoga-Anatomie, dauerte 9 Monate und der wunderbare Lehrer Leslie Kaminoff unterrichtete von New York aus. Ich habe unglaublich profitiert. Ich weiß noch wie erstaunt ich damals war, dass Wissen, Beteiligung, Engagement und Feedback eine so große Intensität entwickeln können wenn Lehrer und Studenten eigentlich unmöglich weit voneinander entfernt sind.
Heutzutage baut man auf diese Erfahrungen und Onlinekurse boomen – nein halt! In meiner Internetwelt boomen sie nicht nur, neuerdings explodieren sie geradezu.
Schon aus Recherchegründen lese ich gerne Blogs – die bunte Welt der Ideen über Ernährung, Körperarbeit, Mode, Yoga und Gesundheit flattert regelmäßig in meinen Posteingang. Ich erfahre viel Inspiration daraus und bin jedem Bloggerxs dankbar für das Teilen seiner Ideen, Studien, Meinungen, Erfahrungen. Ich mache das ja auch so, wir sind quasi quitt. Im letzten Monat saß ich immer häufiger irritiert vor dem Bildschirm. Es gibt auf vielen Seiten keine ordentlichen Blogposts mehr. Sie werden durch Ankündigungen zu Onlinekursen ersetzt. Eine tolle Yogabloggerin: keine Podcasts mehr, sondern ein supereinfaches OnlineAbo, nur 49€ im Monat. Eine andere: 3 Wochen tägliche Inspiration für 247€. Meine Lieblings-TCM-Ernährungsberaterin: kaum Blogs mehr, dafür eine Fülle an verschiedenen Onlinekursen, gerne einzeln buchbar und am besten alle zusammen zum Sonderpreis von 400€ für ein Jahr. Die tolle Körperarbeit, für die ich jede Woche 80 km mit dem Auto fahre um in den Stunden live auf einer verschwitzten Matte dabei zu sein: Jetzt online um nur 79€ für 4 Wochen. Und natürlich die Modeseiten: sie quellen über von Onlineangeboten für jeden Geschmack, für jede Brieftasche. Jedem Klick auf eine Seite folgt wie das Amen im Gebet ein Angebot zum Onlinekurs. Würde ich mich in alle Kurse einschreiben, die mich tatsächlich interessieren, müsste ich selbst ein Business aufmachen um das alles finanziert zu kriegen.
Warum ich irritiert bin, fragen Sie liebe Leserxs? Ich wusste es zuerst nicht. Denn warum soll jemand nicht online gehen mit seinem Angebot? Schließlich werden so viele Menschen erreicht, die sonst nicht davon profitieren können. Es ist einfach zeitgemäß, es ist billiger als live Veranstaltungen, man hat länger etwas davon und man kann sich alles individuell einteilen.

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Aber was spricht so sehr dafür, dass alles online gemacht wird, dass das persönliche Kursehalten scheinbar so aus der Mode kommt? Ich fragte also den Herrn KK. Der, mit über 40 Jahren Werbebrache im System, lächelte milde. Es gäbe unzählige Mediaberater, die müssten ja auch von etwas leben. „Und wenn du einen vielversprechenden Kunden an der Angel hast, dann schaust du dass du machst was geht.“ sagte er. Hmm – Onlinebusiness weil Mediaberater, Werbeagenturen und Business-Coaches hier das große Geschäft wittern? Tatsächlich mutet mich das andauernde ThinkBig in den Ankündigungen etwas befremdlich an. Wieso sollte man/frau immer gleich 100, 200, 3000 Teilnehmer im Kurs haben, was ist denn daran besser als wenn man 12 – 20 Leute als persönliche Gegenüber hat? Oder müssen die Kursleiter die Kosten für PR-Coaches und die aufwändige Technik erst mal hereinkriegen? Denn weniger aufwändig ist das Ganze beileibe nicht. In den von mir gebuchten – ausgezeichneten, tollen! –  Onlinekursen sind die Betreiber nahezu rund um die Uhr verfügbar, bezahlen ein Team das sich um die Facebookgruppen und Foren kümmert, stellen regelmäßig Podcasts, Übungsvideos, Gruppencalls, Videoschaltungen und Playlists zur Verfügung um die Teilnehmer auch wirklich individuell wahrnehmen zu können. Wer hat diese Illusion aufgebracht, dass es mit Onlinebusiness möglich ist, am Strand in der Karibik zu sitzen und dass Arbeit sich dann anfühlt wie immer währender Urlaub? Die Onlinebussinesser, die ich erlebe (und ja, sogar die Reisebloggerxs mit ihren vielen ebooks!) machen eine harte Arbeit ohne Stundengrenzen, liefern pünktlich trotz aller technischen und menschlichen Widrigkeiten – und ich glaube, einige von ihnen meinen sogar, dies sei befriedigender als Menschen live in kleinen Gruppen zu betreuen.
Vielleicht meinen manche auch, man könnte damit rasend viel Geld verdienen. Wenn ich ein wenig mitrechne: Onlinebeiträge für die Kurse – da zahlen sehr leger über den Daumen gerechnet 10 TN was in einem live-Kurs eine Person zahlt. Beispiel: Ein YogaAbo in einem guten Studio und ein Online-Abo, vergleichen Sie das einmal. Vielleicht muss die Werbetrommel gar so laut gerührt werden, weil man ja 10 mal so viele Teilnehmer braucht als live. Das Ganze erinnert mich ein wenig an erfolgreiche Künstler: Zuerst finden sie es urcool, wenn sie statt kleiner Säle riesige Hallen füllen und dann merken sie wie sehr sie dabei ausbrennen und schalten eine Phase ein, in der sie wieder in kleinen Wirtshäusern auftreten und persönlichen Kontakt zum Publikum suchen. Vielleicht sind das auch einfach notwendige Bewegungen einer gelungenen Karriere?
Für mich kommt etwas anderes dazu: Was in Onlinegruppen gechattet wird, bleibt schwarz auf weiß protokolliert und zugänglich für jeden Hacker. Was in einem Seminar live erzählt wird, wird von 12 anderen Menschen gehört und meist wieder vergessen. So sollte es auch sein, denn momentane Gedanken und Fragen, ja sogar Probleme und Lösungen sollten auch momentan bleiben, das ist ihr Wesen.

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Sie sehen, liebe Leserxs, Fragen über Fragen. Und Sie hören: ich bin ein wenig altmodisch geworden. Mir ist die berühmte therapeutische Antlitzhaftigkeit in einem Gespräch lieber als ein cooler Chat mit zwei Videofenstern. Es fühlt sich anders an, ja. Denn live geht es um das Hier und Jetzt, da kann ich nichts editieren, wegschalten, löschen. Aber genau das ist das Heilende: das gegenwärtige Gegenüber. Das sich zeigen und gesehen werden dürfen im tiefen Leid und der Unvollkommenheit, das sicht- und spürbarsein des nicht-editierten Selbst sozusagen.
Und wenn ich mich an die üblichen Honorare für Seminarleitungen in meiner aktiven Zeit erinnere und den vergleichsweise minimalen Aufwand für ein Gespräch mit der HR-Abteilung und dann 10 mal drei Tage live mit liebenswerten Menschen, dann verstehe ich den online-Hype schon gar nicht mehr.
So sehen Sie mich diesmal zweigeteilt liebe Leserxs, wo vielleicht gar kein Widerspruch ist: einerseits eine begeisterte Onlinekursbesucherin, andererseits eine hartnäckig „cui bono?“ Fragerin ….

gleichermaßen herzlich,
JKK

2 Gedanken zu “online-business overkill

  1. Liebe Judith,
    da hast du wieder einen sehr, sehr schönen Artikel geschrieben. Und ich verstehe beide Seiten sehr gut. Ich bin selbst oft hin und hergerissen über die Entwicklung der Zeit. Ich gehöre ja auch schon fast zu den „die Technik betreffend“ altmodischen.
    Und dennoch werde auch ich im Oktober online gehen. Die Gründe dafür sind reif und ich freue mich schon sehr darauf. Die Arbeit wird vermutlich viel mehr, aber die örtliche Flexibilität ist mit einer Fernehe ein echtes Argument
    Ich finde beeindruckend, mit wieviel Respekt und Achtung du deine Worte wählst und ich freue mich schon auf Deinen nächsten Artikel.
    Herzlichst
    Deine Anna

    1. Hallo Anna, freut mich! Was machst du denn online? Bin sehr neugierig. Du kannst es gerne kurz hier vorstellen, wenn du magst. Jedenfalls guten Start! hg Judith

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