selbstliebe als diktat

Was immer Sie heutzutage lernen möchten, liebe Leserxs, Sie werden um ein Modul über die richtige Selbstliebe nicht herumkommen. Egal ob sie Topfkuchen backen lernen wollen, einen Yoga-Anatomiekurs machen, Aquarelle malen oder ein Gewächshaus in Betrieb nehmen – das könne nur gelingen, wenn Sie von vorne herein bereit sind an sich zu arbeiten, wenn Sie 100% bereit sind sich selbst bedingungslos anzunehmen und zu lieben. Es genügt längst nicht mehr sich auf das biblische „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ zu besinnen und sich für die eigenen Bedürfnissen ein wenig mehr Raum zu geben. Nein, heute müssen Sie Sie sich von morgens bis abends selbst akzeptieren und das durch ein permanentes Strahlen von innen heraus zum Ausdruck bringen – sonst wird alles nix. Kuchen sitzengeblieben? Zu wenig Selbstliebe – hätten Sie mehr Gespür für Ihre wahren Bedürfnisse, hätten Sie die des Kuchenteiges auch erspürt. Rücken verdreht? Tja, hätten Sie mit mehr Achtsamkeit Ihr Yoga gemacht, wäre das nicht passiert. Achtsamkeit setzt Selbstliebe voraus, eh klar. Ein hässliches Bild gemalt? Oh weh, hässliche Bilder gibt es gar nicht! Würden Sie sich ordentlich lieben, könnten Sie die verborgene Schönheit in Ihrem Bild erkennen. Pflanzen verkümmert? Na ja, wer nicht für sich selber sorgen kann, der kann es auch nicht für andere.
Dieser Imperativ „Liebe dich selbst! Bedingungslos! Jetzt!“ nervt mich ziemlich, liebe Leserxs. Sie hören das am Sarkasmus in meinen Zeilen. Dass Tätigkeiten, Entwicklung und Beziehungen nur gelingen können, wenn frau/man sich selbst genügend liebt widerspricht meiner Erfahrung. Es widerspricht all dem, was ich über lebendige Prozesse und Wachstum weiß.
Sie können eine ausgezeichnete Köchin sein wenn Sie das Kochen lieben, den Umgang mit Lebensmitteln, das Schneiden, Hacken, Braten, Würzen … wenn Sie Ihre Gäste mögen und das, was Sie tun, gerne tun. Ob Sie dabei mit sich selbst perfekt im Reinen sind oder nicht, ist dem Salat egal.
Sie können eine sehr gute Yogalehrerin sein, ohne bedingungslos andauernd von innen heraus zu strahlen. Ihre TeilnehmerInnen brauchen Ihre Aufmerksamkeit, Ihr Wissen, eine kluge Anleitung. Ob Sie mit Ihren paar Kilos zuviel innerlich hadern, ist ihnen meist schnurzegal.  Ja, Sie können sogar eine lange, wunderbare Ehe führen und Kinder zu selbständigen liebenswerten Menschen erziehen während Sie Teile an sich hassen. Sie können Ihr ganzes Potential entwickeln ohne sich selbst 100% anzunehmen. Und ja, Sie können Liebe und Freundschaft empfinden und empfangen. Immer.

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Worauf ich hinaus will? Nun, ich möchte gern die Kirche im Dorf lassen. Menschen sind komplexe Wesen. Sie haben helle Seiten und dunkle. Eigenschaften und Handlungen auf die sie stolz sind und solche die sind wie ein Abgrund, um Woyzzek zu zitieren. In unserer Zeit wird in den Medien oft getan als müsste alles an einem Menschen dauernd im Licht sein können. Präsentabel, Untadelig, Verstehbar. Innen und aussen gut. Das hat in meinem Empfinden sogar etwas Übergriffiges. Ich möchte nicht moralisch daran gemessen werden, ob ich eh genug von innen heraus strahle. Verstehen Sie, was ich meine? Für das Dunkle, Fremde, Abstoßende gibt es dann ein paar hanebücherne Erklärungen: Unwissenheit, Irrtum und – Sie ahnen es – zuwenig Selbstliebe. Wir erleben gerade als Gesellschaft, wie wenig diese Ideen den tatsächlichen Problemen begegnen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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Für heute, liebe Leserxs möchte ich Sie ermutigen kräftig zu hinterfragen, was so gebetsmühlenartig widerholt wird: Sie können nur erfolgreich sein wenn Sie sich selbst genügen lieben? Echt jetzt? Glauben Sie wirklich, dass all die großen Werke aus Musik, Literatur, Physik und Kunst tatsächlich nur von Menschen gemacht wurden, die sich selbst bedingungslos liebten? Wenn ich genauer hinschaue ist wohl eher das Gegenteil der Fall. Große Werke entstehen mehrheitlich aus tiefer innerer Not und Zweifel …
Mangelnde Selbstliebe wird, meine ich, uns oft verkauft als billige Rechtfertigung für unsere durchaus noch entwicklungsfähigen handwerklichen Fertigkeiten. Als Entschuldigung für den persönlichen Husch-Pfusch. Als schillerndes Pflaster, das die Angst verdecken soll bei sich selbst einmal wirklich genauer hinzuschauen.
Ich ermutige Sie heute, vom Diktat der Selbstliebe immer wieder mal eine Auszeit zu nehmen. Sie dürfen sich mutig selber hassen, wenn Sie etwas falsch gemacht haben. Sie dürfen sich schämen, wenn Sie bloßgestellt wurden oder jemanden bloßgestellt haben. Sie dürfen Versagensängste haben und sogar versagen. Sie dürfen zornig sein und wütend und Grenzen setzen. Sie können Ihre dunklen Seiten mit Grausen betrachten. Die Fähigkeiten zu Neid, Haß und Gier wohnen in allen Menschen und gehen auch nicht weg, wenn sie im Dunkeln bleiben müssen. Sie brauchen sich definitiv nicht bedingungslos lieben um ein guter Mensch zu sein oder einen anderen zu lieben. Selbstliebe ist gut als eine freundliche Einladung und sehr schlecht als Diktat,

meint JKK

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2 Gedanken zu “selbstliebe als diktat

  1. Liebe Ju!
    Auch in meinen Jahreskursen gibt es ein Selbstliebe-Modul 😀
    Ich finde es gut, sich kritisch mit diesem Trend (oder Diktat 😉 auseinanderzusetzen, und ich glaube auch, dass man geniale Torten backen kann, ohne sich selbst zu lieben (in meiner nächsten Verwandtschaft gibt es einen lebenden Beweis dafür), und stricklieseln kann man vermutlich auch, ohne sich selbst bedingungslos zu akzeptieren …
    Aber ich vermute, dass ich unter Selbstliebe etwas anderes verstehe als du. Mich selbst zu lieben bedeutet, mir freundlich und mitfühlend zu begegnen, meine Menschlichkeit in all ihrer Unvollkommenheit und mit all ihren dunklen und so gar nicht sympathischen Seiten anzuerkennen.

    Ich muss mich nicht immer schön finden. Ich muss mich und alles was ich tue nicht immer toll finden. Ich muss mich nicht verhätscheln und mir alles durchgehen lassen. Manchmal ist es sogar ein Ausdruck der Selbstliebe, mir einen Tritt in den Hintern zu verpassen, mich zu mehr Selbstdisziplin zu ermahnen etc.

    Aber mir mit Freundlichkeit, Wohlwollen und Verständnis zu begegnen, wenn’s mal schief läuft, wenn ich Mist gebaut habe oder aussehe, als hätte mich ein Dinosaurier verschluckt und wieder ausgespien, das ist viel besser, als mit harscher Selbstkritik (oder noch schlimmer: Selbstverachtung) noch eins draufzusetzen.

    In einem solchen inneren Klima der Freundlichkeit und Akzeptanz können sich- so meine persönliche Erfahrung – Fähigkeiten und positive neue Denk- und Verhaltensmuster viel besser entfalten als wenn mir mein innerer Dialog ständig weiszumachen versucht, dass ich nichts auf die Reihe kriege, niemals gut genug sein werde etc.

    Diktieren lassen möchte ich mir die Selbstliebe natürlich auch nicht. Aber der Einladung, mit mir so freundlich, aufrichtig und liebevoll umzugehen wie mit meiner besten Freundin, folge ich gerne. Denn das hab ich verdient.
    Herzlich
    Layaki

    1. Liebe Laya,
      ich danke dir herzlich für deine klaren Worte. Wie du Selbstliebe beschreibst, da würde ich mich voll und ganz anschließen. Mit dem Diktat hatte ich etwas im Sinn, das schillernd daher kommt als wäre es ganz leicht zu haben und müsste gar nicht tief gehen, Hauptsache obendrauf iss wieder gut… oder das vorgetäuschte „ich bin innen und aussen hell und rein“-gedönse in Werbung und Medien oder…
      Jedenfalls empfinde ich deinen Kommentar als ein sehr willkommenes und notwendiges Korrektiv zu meinem sarkatischen Grummeln über die Welt wie sie ist 😉 Danke! Herzlich, Judith

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