was wirklich zählt

Zugehörigkeit und Entwicklung
Unser wunderbares Leben wächst entlang des Gelingens dieser beiden prägenden existenziellen Erfahrungen. Das klingt einfach und wird doch so komplex.

  1. Zugehörigkeit
    Vom Moment der Zeugung an sind wir im Mutterleib einem anderen Menschenwesen zugehörig. Wer nicht neuerdings seiner Geschichte eine Zeugung im Reagenzglas und eine kurzfristige Tiefkühlung hinzufügen muss, kennt keine andere Erfahrung. Jeder neue Mensch erlebt auf einer biologischen Ebene die unauflösbare Verbundenheit mit seiner Mutter. Nach der Geburt kommt die soziale Verbundenheit dazu – ein Platz in der Geschwisterreihe, die Zugehörigkeit zu einer Familie, einer Wohngegend, einer Kita, Freunden, Partnern, Kollegen, einer Gesellschaft, einer Kultur … und das hört niemals auf existenziell bedeutsam zu sein. Denken Sie ruhig mit mir gemeinsam nach, liebe Leserxs. Was haben Sie, auch wenn Sie eine glückliche Kindheit hatten, schon als Kleinkind in Ihrer Familie gelernt, bzw. lernen müssen, um dort einen halbwegs guten Platz zu haben? Vielleicht war es wichtig, klug zu werden und gut in der Schule zu sein, weil Ihre Eltern Bildung als einen Wert vorgelebt haben. Vielleicht war es wichtig, lieb zu sein, einfühlsam und umsichtig weil ein Elternteil nicht besonders gut für sich selbst sorgen konnte und Sie als Kind Erwachsenenaufgaben übernehmen mussten. Vielleicht war es wichtig, unsichtbar und ganz in sich zurückgezogen werden zu können, wenn es öfters wild zuging. Vielleicht war es wichtig wild und laut herumzupowern um irgend eine heimliche Gefahr zu bannen. Mit Sicherheit kann ich sagen: Was Sie da gelernt haben, das haben Sie so gut gelernt wie Ihre Muttersprache. Und es sind Fähigkeiten, die Ihnen ein (Über-)leben in ihrer Familie gesichert haben und Ihnen Leben lang zur Seite stehen werden.
  2. Weiterentwicklung
    Von der ersten Zellteilung an entwickeln wir uns weiter, immer weiter. Auch hier haben wir nicht die Wahl, wir müssen. Es geht nur vorwärts, niemals retour. Gleichzeitig mit der Verbundenheit müssen wir uns weiter entwickeln. Wir wachsen, unsere Sinne entwickeln sich. Wissen, Handlungsfähigkeiten, Planungsvermögen, Stressbewältigung, Beruf und Karriere, eigene Kinder … bringen uns nicht nur immer wieder in neue Zugehörigkeiten, sondern fordern uns auch immer weiter heraus, uns selbst zu entwickeln. Und ich glaube, die meisten von Ihnen kennen sowohl Glücksgefühl als auch den herrlichen Energieschub, wenn einem ein Entwicklungsschritt gelungen ist – ein aufkeimendes Interesse, einen Herzenswunsch benennen können, eine Prüfung bestanden, einen interessanten Job aufgetan, ein neues Hobby entdeckt, eine neue Erkenntnis gewonnen.
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Wie bedeutsam das wiederholte Gelingen dieser beiden Grunderfahrungen ist spüren wir erst, wenn eine der beiden in Gefahr gerät. Lebenskrise und/oder Traumatisierung nennt sich das dann. Der drohende oder faktische Ausschluss aus einer Gemeinschaft ist für unser psychophysisches System immer schrecklich, da kann der vernünftige Geist sagen was er will. Mobbing kennt keine Altersgrenze. Chronische Krankheit katapultiert einem in das gesellschaftliche Out von Arztpraxen und Rehakliniken. Altwerden bedeutet nach und nach Gruppenzugehörigkeiten aufzulösen. Aber auch das Gefühl von Angst und Sorge um die Kinder, Stagnation im Beruf, Leere in der Partnerschaft o.ä. bringen uns an diese Grenzen. Haben Sie sich zb. schon einmal gefragt, warum Menschen sich scheinbar kritiklos einer Sekte oder radikalen Gruppierung anschließen? Oder andersrum: warum diese Gemeinschaften jedem, der bereit ist die geforderten Anpassungsleistungen zu erbringen, eine lebenslange fixe Zugehörigkeit versprechen? Und warum Abtrünnige jahrelange Therapien brauchen um sich nicht mehr schuldig zu fühlen? Zugehörigkeit sitzt tief im Knochenmark …
Jedes persönliche Problem, jede tiefe oder noch so banal wirkende Lebensfrage lässt sich auf die Gefährdung einer dieser Grunderfahrungen zurückführen – und von dort aus lassen sich auch gute individuelle Lösungsszenarien entwickeln.
Machen Sie, liebe Leserxs, ruhig die Probe aufs Exempel. Benennen Sie ein beliebiges aktuelles Problem, eine Sorge die Sie ins Grübeln treibt, eine scheinbar unlösbare Frage. Fragen Sie bei sich selbst ein paar mal nach – ich wette mit Ihnen, dass Sie entweder bei einer Frage von Dazugehören landen oder bei der persönlichen Weiterentwicklung.
Bleiben Sie wachsam, wenn Ihnen jemand empfiehlt, Ihre Sorgen, Ihre Angst, Ihre Schmerzen einfach „loszulassen“. Das wird wenn überhaupt, nur als kurzfristiger Kick funktionieren – meistens deshalb weil wir die Beziehung zur ratgebenden Person im Moment nicht gefährden wollen – womit wir wieder beim Thema wären 🙂

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Warum Loslassen nicht funktioniert? Das ist eine gute Frage. Ich will den Beginn einer Antwort versuchen.
Menschen sind in ihren Lebensräumen organisch nach und nach herausgebildete Wesen. Alles was wichtig ist, alles was wir sind ist historisch in uns herangewachsen, bildet zb. Eiweißverbindungen im Gehirn und Nervensystem, Muskelspannungsmuster im Körper, Fließgeschwindigkeiten und Rhythmen im Herz-Kreislaufsystem, Druckverhältnisse zwischen und in den Körperzellen, sehr individuelle Muster beim Ein- und Ausatmen. Wir sind ein einzigartiges verbundenes Ganzes, auch wenn es sich oft nicht so anfühlt. Die Veränderung von auch nur einem einzigen Parameter – nehmen wir beispielhaft die Veränderung der Dauer des Ausatmens – muss von allen anderen Regulationskreisläufen „genehmigt“ und über eine bestimmte zeitlang eingeübt werden, damit es nicht ein neues Problem generiert. Nichts in uns ist überflüssig oder fehlerhaft. Ein paar kleine Beispiele: Wer versucht, zb. im Yoga seine Atemmuster alleine und ohne Rücksicht auf den Rest seines Wesens zu ändern, kann sich ganz schnell Panikattacken anzüchten. Wer versucht zu schnell nur körperlich aufrechter zu werden endet mit neuen Muskelverspannungen. Wer eine innere Einstellung ändern möchte ohne auf die seelischen Notwendigkeiten rundherum zu achten, kriegt flugs ein neues Problem. Wer körperlichen Schmerz nur „loslassen“ will wird bald erleben, dass dieser klebriger wird als Kaugummi und ausserdem zu wandern beginnt.

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Natürlich gibt es viele Verbindungen in unserem Nervensystem, die heute nicht mehr so bedeutsam sind wie früher. Wenn zb. Ihre Mutter in Ihrer Kindheit an Depressionen litt, haben Sie vielleicht 1000 Arten gelernt, jemanden aufzuheitern und unauffällig auf jemanden aufzupassen. Und es kann sein, dass Sie perfekt darauf geeicht sind ständig überwach zu sein und Angst um jemanden zu haben. In einer späteren nicht-depressiven Umgebung sind diese Fähigkeiten weniger vonnöten und Sie möchten die übertriebene Angst und die Überwachsamkeit loswerden. Das geht, aber einfach loslassen, etwas meditieren oder ein energetischer Quick-fix-Vodoo wird nicht nachhaltig helfen. Die Änderung, bzw. richtiger die Entmachtung / die Neuvernetzung von tiefen inneren Ausrichtungen und Fähigkeiten (beliefs oder deutsch etwas holperig und irreführend Glaubenssätze) ist ein wunderbarer und länger dauernder Prozess. Er geht Schritt für Schritt und er kostet Zeit, Energie und Aufmerksamkeit wenn er gelingen soll. Es muss sich ja alles in Ihnen dauerhaft mit verändern: Körperhaltung, Atemmuster, Herzschlag, Hormonspiegel, Verdauung … Die neuen Zugehörigkeiten müssen für Körper, Geist und Seele glasklar und mindestens so gut sein wie die alten. Das Neue muss Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Denn das ist, was wirklich zählt.

Gutes Gelingen bei all Ihren Vorhaben wünscht

JKK

PS: Der  Arzt und Hirnforscher Dr. Gerald Hüther erläutert in seinen Büchern und Vorträgen die Themen von Zugehörigkeit und Entwicklung ausführlich.

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2 Gedanken zu “was wirklich zählt

  1. Danke, liebe Judith. Ich habe ja oft das Gefühl, all die Heilsversprecher und -innen versuchen uns glauben zu machen, dass wir beides hinter uns lassen können, als könnten oder wollten oder sollten wir uns das Leben selbst ersparen. Ich selber glaube nicht mehr an Ziele, sondern an Prozesse, und ja: schön ist es. Und an Zugehörigkeit als Basis des Lebens sowieso. VLG, Veronika

    1. Liebe Veronika, du bringst das auf einen guten Punkt. Als wäre das etwas erstrebenswertes wenn man sich das Leben selbst erspart. Es ist wie in dem Kinderlied: Cant get over it, Cant get under it, Cant get around of it, wir müssen mittendurch ganz herzlich judith

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