yoga, die stille und das om

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Neulich gab es in meinem fb-Stream eine rege Diskussion über die Stille. Genauer gesagt über die nirgendwo mehr vorhandene Stille, über die Allgegenwärtigkeit von Lärm und Geräuschen. Ich habe mich auf die Suche gemacht.
Wo ist es still? Kennen wir als Menschen so etwas wie Geräuschlosigkeit überhaupt? Ist das dasselbe wie Stille? Kann es aussen laut sein und in mir still? Und umgekehrt?
In unserer menschlichen Entwicklung gibt es weder eine äußere noch eine innere Stille. Ein Baby im Mutterleib ist von Anfang an umgeben vom Klopfen des Herzens der Mutter und von ihrer Stimme, von Verdauungsgeräuschen, Atemgeräuschen, vermutlich auch vom Strömen des Blutes, der Lymphe. Körpertherapeuten zählen bis zu 32 innerkörperliche Rhythmen, die in einer genialen und lautstarken Symphonie unser Leben ausmachen. Wir hören meist nichts davon, nur in Ausnahmefällen, wenn uns das Herz bis zum Hals klopft, die Verdauung gluckert oder wir bei Anstrengung zu keuchen beginnen. Auch in größter Ruhe und Entspannung ist es niemals still in einem lebenden Körper.
Und aussen? Das hören wir besser, spüren wir leichter. Unser gesundes uns beschützendes Gehirn filtert mit der Zeit bekannte Geräusche als unwesentlich oder besonders vertrauenswürdig aus unserer Wahrnehmung heraus. So sehr, dass es uns auffällt, wenn sie mal nicht mehr vorhanden sind. Als der Herr KK und ich vor 30 Jahren von der Stadt aufs Land und in die Einschicht zogen, hörten wir plötzlich die Stille. Mitten in der Nacht saßen wir bei offenem Fenster kerzengerade im Bett und horchten beunruhigt in die schwarze Nacht hinaus. „Hörst du auch nichts?“ fragte ich ihn und er sagte: „Nein, nichts. Komisch. Nur die Stille dröhnt mir irgendwie in den Ohren.“ Es hat einige Zeit gedauert, bis wir uns erstens daran gewöhnt hatten und zweites zu hören begannen, was es auf dem Land in der Nacht alles zu hören gibt: Wind, der in den Bäumen rauscht, das heisere Bellen der Rehe, Vögel, das Getrappel vorbeilaufender Tiere, das Grunzen eines Dachses und und und… es ist ganz und gar nicht still auf dem Land.

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Bei Yoga und Meditation ist viel von Stille die Rede. Gemeint ist dabei nicht die Geräuschlosigkeit an sich, sondern das Ruhigwerden der geistigen Bewegungen. Yoga citta vritti nirodha – Yoga bringt die Bewegungen des Geistes zur Ruhe. Wer Yoga macht, kennt das. Zwischendurch in der Asanapraxis, auf einmal ist man nur noch Atem und Bewegung. Köstliche Verbundenheit. In der Endentspannung fließt das Bewusstsein in helle Weite und Leere. Wunderbare Leichtigkeit. Wir spüren flüchtige Momente der Glückseligkeit, der Freiheit des Geistes. Dann kommt der Gong und bald ist alles wieder wie vorher: der Lärm, die Selbstgespräche, die innere und äußere Kakophonie des Alltags. Ich denke es ist kein Zufall, dass die alten Meister in tiefer Versenkung traditionell in einer einsamen Hütte am Himalaya sitzen und nicht in einem Pausenraum der xy-Firma, in der unsereins arbeitet. Die erleuchteten Meister sind auch keine europäischen Alleinerzieherinnen oder ernähren mit ihrer Arbeit mühsam eine Familie. Ich habe einige Biografien gelesen, liebe Leserxs und glauben Sie mir: all diese Meister hatten einen ganzen Clan von Betreuern, die ihnen jedwede Alltagshandlung abnahmen. Und dennoch: es ist jedem von uns möglich, geistige innere Stille zu entwickeln, daran gesund zu werden und zu wachsen. Neurowissenschaftler fanden heraus, dass unser Gehirn dabei messbar profitiert: Die wache Aufmerksamkeit, welche wir in der Stille entwickeln, regt die Neurogenese, also das Wachstum von Nervenzellen stärker an als zb. das Hören klassischer Musik.*
Irgendwo in den Veden** steht ein Satz, der mich schon Jahre beschäftigt. Könnten wir innerlich vollkommen still werden, heißt es dort, würden wir das Gebrüll der Sonne hören. Das Gebrüll der Sonne? Westliche Forscher bestätigen, dass es im Universum nicht still ist. Es gibt nur keine Luft, die Schallwellen überträgt, daher hören wir nichts davon. Woher wussten aber die Yogis? Sie bezeichnen das heilige OM als den Urton des Universums. Es ist der Klang aller Planeten, aller Sterne und aller Sonnensysteme des Universums zusammen – wenn wir ihn denn hören könnten! In den meisten Yogastudios dieser Welt bemühen sich Menschen aufrichtig darum, das OM möglichst wohltönend, harmonisch und beinahe lieblich zu chanten. Wenn Sie aber, liebe Leserxs einmal erfahren, wie etwa tibetische Mönche das Om singen, bekommen Sie eine ganz andere Ahnung davon, was damit gemeint ist. Von lieblich keine Spur. Dafür aber breite Schneisen einer gewaltigen schöpferischen Urkraft und dem Ursprung von allem …

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Eine befreundete Psychotherapeutin sucht diese Urkraft manchmal bewusst auf, wenn sie in der Arbeit mit ganz entsetzlichen Patientengeschichten zu tun hatte. Sie fährt dann, meist noch aufgewühlt, ins nahe Gebirge an einen abgerutschten Berghang. Dort ist weit und breit kein Mensch. Dafür tobt ein Wildbach in selbst geschaffenen Verläufen zu Tal, Bäume liegen entwurzelt zwischen riesigen Felsbrocken, die Natur wuchert über aufgerissene Erde wie es ihr gefällt. Dort sucht sie sich einen Platz und setzt sich mit offenen Sinnen der Wildnis, der Zerstörung und dem Leben wie es ist, aus. Irgendwann beginnt in ihr etwas zu verstehen das sich schwer benennen lässt. Der innere Kampf löst sich – nicht in Harmonie, sondern in Klarheit, Wachheit, Zumutbarkeit.

Wenn Sie, liebe Leserxs, etwas über Stille und die Kraft des Lebens erfahren möchten, ermutige ich Sie: verbinden Sie sich als Experiment einmal mit dieser Urkraft und nicht immer nur mit ihrer kleinen Schwester, dem allzu lieblichen Gesang,

herzlich,

JKK

*) Wenn Sie an diesem Thema interessiert sind, empfehle ich das Buch: Brant Cortright; Das Bessere Gehirn. Scorpio Verlag 2017. Der Text fasst umfassend und gut recherchiert zusammen, was man heute über Gehirn, Gesundheit und gutes Altern weiß. Der von mir angesprochene Effekt steht auf Seite 153.

**) Der von mir sehr geschätzte Yogalehrer Richard Freeman spricht darüber ein einem seiner Vorträge. Leider benennt er die genaue Quelle nicht. Ich selbst bin zu wenig der alten Schriften mächtig, um die Stelle zu finden. Wenn Sie wissen, wo das genau steht, bitte ich um eine Nachricht.

Das Beitragsbild mit dem Supermond ist von ©stevebp-supermoon-pixabay.com

 

 

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