yoga für senioren

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Unser Körper, unser Geist und unsere Ansprüche an den Yoga verändern sich im Alter. Selbst schon ein älterer Herr, unterrichtete mein Yogatherapielehrer Dr. Chandrasekaran das so:
In der Jugend bis 35 Jahre entwickelt sich der Körper. Yoga soll das gesunde Heranwachsen unterstützen. Danach soll die Konstitution erhalten bleiben. Was schon da ist, soll in den mittleren Jahren geschützt und erhalten werden. Yoga im Alter begleitet den Abbau.
Wörtlich sagte er: „In age we are going towards reality.“
Mist! und Hä? dachte ich. Entwicklung nur bis 35? Auch bei mir soll der Yoga nur mehr den Abbau begleiten …? Echt jetzt? Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich Mitte 50 immer noch wild im Aufbau begriffen, träumte von irgendwann perfekten Chaturangas, vielleicht doch noch einmal den Handstand lernen oder den Bogen hinkriegen… Für die fein gesponnene Philosophie seines letzten Satzes hatte ich noch kein Gefühl. Oh mein Gott, ich irrte mich gewaltig und Dr. Ch. hatte sowas von recht. Wie viele Yoginis hatte ich mich in unserer schillernden Asanawelt zwar achtsam, aber doch gehörig verlaufen und die Ganzheit des Yoga mit dem Wirken und Zusammenspiel von Pranayama, Pratayahara, Dharana, Dhyana, Samadhi aus den Augen verloren. So habe ich mir viel mehr Schmerzen als nötig eingehandelt. In letzter Zeit bin ich klüger geworden, zumindest hoffe ich das.
Yoga für Senioren gibt es tatsächlich und das ist nicht einfach ein Yoga, der gemächlicher daherkommt oder die eine oder andere schwierige Asana weglässt. Yoga für ältere Menschen ist eine eigene anspruchsvolle Kunst und ich war auf einer Fortbildung, wo dies hervorragend gelehrt wurde.

©Gräfe und Unzer Verlag

Natürlich könnte ich zu meiner Anfangsmotivation ein wenig pointiert sagen: Wo sonst soll ich mich mit meinem leicht altersramponierten Körper in der hippen Yogawelt noch hintrauen? Ich komme doch bei keiner einzigen Asthanga- oder FlowYogastunde mehr mit ohne mich zu verletzen! Aber darum ging es nur am Rande. Ich wollte vielmehr den bekanntesten deutschen Entwickler des 50plus-Yoga, Willem Wittstamm kennen lernen und sehen was er macht, wie er es macht und am eigenen Leib erleben, wie sich dieser Yoga anfühlt. Ich kann Ihnen sagen, liebe Leserxs, das war ein tolle Erfahrung. Innerhalb einer Woche bin ich zu einer begeisterten 50plus-Yogini geworden.
Aus der Fülle des Seniorenyoga wie es mir von Kavita Pippon und Willem Wittstamm im schönen MangalamYogastudio in Gleisdorf unterrichtet wurde, teile ich hier ein paar Eindrücke mit Ihnen, liebe Leserxs. Es sind kleine Impulse mit großer Wirkung. Kann sein, dass Sie denken, Sie machen das alles ohnehin. Dann machen Sie es in Ihrer nächsten Stunde mal doppelt so lang, doppelt so achtsam. Sie werden sehen, es gibt einen fantastischen Unterschied.

©cnort-yoga
  1. Aufwärmen, aufwärmen, aufwärmen. Nicht durch 10 Runden Sonnengrüße soviel wie möglich ins Schwitzen kommen wie früher, sondern warm werden durch das bewusste Bewegen und Belasten aller Gelenke – von den Zehen bis zu den Fingerspitzen. Es bringt Freude und Sicherheit zu spüren, wie jedes einzelne Gelenk seine Funktion leicht und vollständig erfüllen kann.
  2. Singen und Tönen. Sanskrit ist eine Ton, Silben- und Klangstromsprache. Das will heißen, dass gesungene Mantren nicht wegen ihrer wörtlichen Bedeutung wirken, sondern wegen der Vibration und Resonanz, die diese fein ausgewählten Tonfolgen im Körper erzeugen. Singen Sie im Laufe Ihrer Praxis laut und innig Ihre Lieblingsmantren und lassen Sie den Klang tief ins Knochenmark vibrieren. Wenn Sie möchten, orientieren Sie sich beim „richtigen“ Singen an folgender Geschichte:
    „Ein Gelehrter stand am Ufer eines Sees und hörte, wie auf der Insel in der Mitte ein Mann laut und innig das heiligste Mantra sang. Es hieß von diesem Mantra, dass, wer es vollkommen richtig sänge, übers Wasser gehen könne. Der Gelehrte hörte, wie der Sänger immer wieder einen kleinen Fehler in der Tonfolge machte. Er nahm sich ein Boot und ruderte hinaus zur Insel. Nachdem er den Sänger nach bestem Wissen und Gewissen belehrt hatte ruderte er wieder  zurück. Plötzlich hörte er schnelle, leichte Schritte hinter sich und sah den Sänger über das Wasser zu ihm hinlaufen. „Verzeiht, edler Mann, aber ich vergaß es schon wieder – wie genau muss ich das Mantra richtig singen?“
  3. Das Nachspüren am Ende einer Asana ist die Königsdisziplin im Yoga mit Älteren. Es ist gleich wichtig wie die Asana selbst und darf auch genau so lange dauern. Wo im Körper spüre ich eine Wirkung der Übung? Wo gibt es Belebung, Durchblutung, Wärme, Weite, Erleichterung, …? Machen Sie sich die Verbindung von Körper, Geist und Seele immer wieder bewusst: Wenn in einer Rückbeuge der Brustkorb sanft gedehnt wird, wirkt dies auf das Zwerchfell. Dieses ist als Atemmuskel direkt mit unserer Psyche verbunden – kein Wunder wenn Sie die „Herzöffner“ in Ihrer Yogapraxis manchmal zu Tränen rühren.
  4. „Alter ist flacher Atem“ zitiert WW seinen Meister Yogi Bhajan. Sein 50plusYoga basiert auf dem KundaliniYoga, da sind kräftige Atemübungen ohnehin die Basis. Erobern Sie mit Pranayamas Ihr Lungenvolumen zurück!
  5. Schwierige Asanas können schrittweise aufgebaut oder in mehrere einzelne kleine Übungen gesplittet werden. Ja klar machen wir eh sowieso, werden Sie sagen. Nun, im Seniorenyoga bedeutet das, dass Sie eine Bewegung mit 2 cm nach links und 2 cm nach rechts beginnen und über einige Minuten hinweg in eine halbe Drehung des Kopfes hineinwachsen. Danach in Zentimeterschritten in die Seitneigung und am Ende in das Stirneheben und -senken. Sie glauben nicht, wie gut das tun kann! Das normale Kopfkreisen bringt nicht mal die Hälfte Sinn und Wohlgefühl.
  6. Meditation „ist nicht das esoterische Anhängsel für die letzten Minuten der Yogastunde“ (WW) sondern ihr Höhepunkt. Sie bringt geistige Sammlung und Klarheit, das wird im Alter ebenso selbstverständlich wie unverzichtbar. Yoga50plus hat neben der Erhaltung der körperlichen Gesundheit die spirituellen Stufen von Patanjalis’s Pfad stärker im Fokus. Erlauben Sie eine aktive oder eine stille Meditation die Krönung Ihrer täglichen Praxis zu werden und reservieren Sie dafür viel, viel mehr Zeit. Wie ich Ihnen schon oft versichert habe: Es wird sich 1000fach lohnen.
©meditation-pixabay.com

Natürlich habe ich diese Anregungen – wie alles was ich hier in meinen Beiträgen vorstelle und vorschlage –  bei mir selbst und in meinen Kursen ausprobiert. Die positiven Reaktionen meiner langjährigen Teilnehmerxs haben mich dann doch überrascht. „Sooo eine schöne Stunde!!!“ Aber sie hätten gar nichts sagen müssen – man konnte es auch sehen. Rosige Gesichter, leuchtende Augen, entspannte Lebendigkeit überall …. so wirkt guter Yoga, egal wie alt Sie sind.

Möge der eine oder andere Impuls auch bei Ihnen Gutes bewirken und die Kraft mit Ihnen sein, liebe Leserxs,

herzlich, JKK

 

PS: Wenn Sie Yoga50plus im Original kennen lernen möchten, eignet sich das oben abgebildete Buch von Willem Wittstamm „Yoga für Späteinsteiger“ mit der beigefügten DVD (alle Übungen auf dem Sessel!) ganz hervorragend.
Oder Sie besuchen den Willem auf seiner Webseite oder bei seinen Seminaren. Hier ist ein link, über den Sie seinen Sessel-Sonnengruß kostenlos als .pdf downloaden können.

 

 

 

 

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4 Gedanken zu “yoga für senioren

  1. 0

    liebe judith,
    du hast mir mit vielen deiner worte aus der seele gesprochen. ich bin sehr dankbar diese woche mit kavita und willem erlebt zu haben und sehe es als unsere aufgabe an diese achtsamkeit in die welt zu tragen.
    danke und liebe grüße, claudia

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  2. 0

    Danke, liebe Judith, für diesen tollen Artikel.
    Ich habe vor ca. 35 Jahren mit Yoga begonnen. Über lange Jahre sehr intensiv Yoga gemacht. Vor ca. 10 Jahren habe ich aufgehört mit Yoga. Schade! Grade in einer Zeit, in der ich es sehr notwendig gebraucht hätte, habe ich aufgehört. Aber das ist eine andere Geschichte … 😉
    Jetzt bin ich 67, beginne wieder und merke – hoppala, so wie früher geht das ganz und gar nicht. Fast eine Erlösung, dein Bericht! Ich werde mich danach richten – „ausrichten“ …
    Danke und liebe Grüße
    Monika

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    1. 1+

      Hallo Monika,
      Ja, ich fand es auch erstaunlich, wie sehr ich mich in dem „Können“ der Asanapraxis festgefahren hatte – und wie unglaublich einfach der Shift zu den sprituellen Aspekten war. Als hätte es auf mich gewartet. Wie eine Blüte, die mit den Jahren einfach aufgeht.
      Alles Liebe und Gute für deine Praxis!

      1+

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