yoga im internet: optimierungsfasten

Mein Morgenritual geht so: Aufstehen, Fenster auf, atmen und dehnen, Tee kochen und – Internet. Genauer gesagt facebook. Jeden Morgen wartet mein account mit einer Fülle von Neuigkeiten, bunten Bildern, Videos, Nachrichten, Kommentaren und Postings aus meinen Gruppen … es ist als würde ich vielen Freunden und der Welt Hallo sagen und gleichzeitig über alles was mich interessiert, informiert werden.
Heute ist es anders. Ich öffne meinen account und alles wirkt seltsam still. Mehr wie ein einsamer Strand an der Nordsee statt bisher Venice Beach. Ich scrolle ein wenig. Nur Text. Ein Mitglied meiner Curable Gruppe hatte eine gute Nacht und ist glücklich heute. Ein Freund fährt nach Wien und bietet eine Mitfahrgelegenheit. Keine Bilder, keine Videos die von selbst losdröhnen, mehrheitlich nur Text. Ah, hier ein Foto einer Stilheldin mit einer neuen Lederjacke zur Probe, sie bittet um Feedback.

Was ist los, fragen Sie vielleicht jetzt, liebe Leserxs. Nun, ja, ich mache derzeit eine besondere Yogaübung mit dem Internet. Ich löse mich von falschen Vorstellungen über mich und die Welt, indem ich sämtliche Angebote zur Selbstoptimierung, alle Werbung und alle gesellschaftspolitischen Moralkeulen aus meinem account ausblende.
Jede Yoginixs kennt avidya, die Unwissenheit welche zu falschen Vorstellungen führt. Zwei der fünf Ursachen für Leid sind das allgegenwärtige Verlangen und Abneigung, Raga und Dwesha. Ich mache einen Selbstversuch mit der Anwendung/Ausblendung im Internet.

©cmart29-parrot-pixabay.com

So sitze ich vor meinem fb-account und klickte mir die Finger wund mit hide und snooze: alles was mir Verlangen oder Abneigung suggeriert, fliegt raus. Staunend verfolge ich, wie viele Selbstoptimierungsseiten ich mir täglich angetan habe. Mit bunten Bildern, Videos, Kurzvorträgen werde ich dahingehend überflutet, dass möglicherweise etwas mit mir nicht stimmen kann. Mein Körper ist nach dem Winter total vergiftet und braucht eine Detox-Kur. Raus. Meine Stimmung könnte besser sein und braucht ätherische Öle. Raus. Meine Gedanken sind nicht klar genug und brauchen tägliches Schreiben. Raus. Ich muss mich ständig weiter entwickeln und brauche einen Kurs um mein Potential zu entfalten. Raus. Meine Spiritualität ist unterentwickelt, ich soll ein Buch über Meditation kaufen. Raus. Ich brauche Nahrungsergänzungsmittel, mein Leber-Qi stagniert, ich muss mehr Eiweiß essen oder weniger Brot und keine Milch und vor allem keinen Zucker. Raus, raus, raus.
Dann die Werbung: alles raus. Keine Anzeigen mehr von Schuhen, Kleidern, Kosmetika, Pillen, Apps und Urlauben. Und die Politik: Ich will eine zeitlang mal nicht mit großen Moralkeulen Schuldgefühle eingeprügelt kriegen um angeblich die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich will nicht donnerstags demonstrieren gehen, ich will keine Flüchtlinge hassen, ich will keine bösen Kommentare über Frauen lesen, ich will keinen Neid auf Mindestsicherungsbezieher entwickeln und ich will keine Oma gegen rechts sein.

©AndreaGrill

Ich glaube, ich habe das alles einfach mal satt. Die ganze hysterische Welt, an der alles ablenkt vom einfachen Sein. In der permanent alles optimiert werden muss. Mein Körper, mein Geist. Meine politische Aufmerksamkeit. Meine gesellschaftliche Sicherheit. Mein Konto. Meine Ernährung. Mein Hautbild. Als ob die Welt plötzlich weg wäre, wenn ich einen Moment nicht hinschaue, aufpasse und an mir arbeite. Für mich erweist sich das meiste ohnehin als Fake. Längst muten mich viele Ernährungsberaterxs an, als würden sie wohl mehr selbst an einer ausgewachsenen Orthorexia nervosa leiden als dass sie tatsächlich tatsächlich hilfreiches TCM oder LowCarb vorleben. Die spirituellen Lehrer scheinen ganz gegen ihre eigenen Lehren von ewigem Wachstum besessen und schicken aus Bali neue Onlinekurse auf den Markt. Früher hätte man das den Eiertanz ums Burnout genannt, aber heute …? Und die politische Hetze und Hysterie aus allen Ecken meines Heimatlandes ist einfach nur schrecklich. Ich will daran nicht teilhaben.

So ist es mal bis Ostern still in meiner Internet-Blase. Ich mache Hysterie- und Optimierungsfasten sozusagen. Es fühlt sich gut an, vielleicht behalte ich es bei.

herzlich,

JKK

 

Beitragsbild: Fotolia

2 Gedanken zu “yoga im internet: optimierungsfasten

  1. Und ich… seit gestern für ein paar tage mit freunden am meer. Hab keine pläne, das reservierte fahrrad ist sicher morgen auch noch da. Liege mit buch und decke auf der coach, schau in den blauen himmel und wenn ich mich etwas aufrichte, direkt in das mit vielen schaumkronen verzierte meer. Nichts tun müssen. Keinen plan haben. Ich folge heute nur meinen bedürfnissen. Ich muss garnix. Der stürmische wind gibt mir recht und mein mund verzieht sich zu einem lächeln. Vielleicht muss ich dann mal aufs clo…

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